An der Spitze der Top Ten

Ist das Neujahrskonzert für das beste Orchester der Welt noch etwas Besonderes? Michael Bladerer, Pressesprecher der von Fachjournalisten an die Spitze der Orchester-Top-Ten gewählten Wiener Philharmoniker, über das wichtigste Konzert des Jahres.

Über das wiederentdeckte erste Neujahrskonzert

Während die Proben für das wichtigste Konzert des Jahres auf Hochtouren laufen, können die Wiener Philharmoniker auf ein erfolgreiches Jahr 2006 zurückblicken. Auf eine Umfrage kann das Orchester besonders stolz sein: Im Herbst hat die französische Monats-Zeitschrift "Le Monde de la Musique" ein Voting veranstaltet.

Zehn europäische Medien wurden von der Redaktion eingeladen, die ihrer Ansicht nach zehn besten europäischen Orchester zu nennen und auch zu reihen. Für den ersten Platz gab's zehn Punkt, für den zehnte einen. Teilgenommen haben renommierte Fachzeitschriften und Rundfunkanstalten aus Europa.

Philharmoniker an der Spitze

Mit 86 Punkten lagen die Wiener Philharmoniker an der Spitze, ganz knapp vor dem Königlichen Concertgebouw Orchester Amsterdam mit 85 Punkten. Mit einem etwas deutlicheren Abstand erreichten die Berliner Philharmoniker den dritten Rang mit 79 Punkten. Zu Rang vier - dem London Symphony Orchestra - gab es dann schon einen deutlichen Abstand von 24 Punkten.

Das Ergebnis freut auch Michael Bladerer, den Pressesprecher der Philharmoniker. Bladerer ist Kontrabassist, wurde vom prominenten Philharmoniker Ludwig Streicher ausgebildet, ist seit 1999 Mitglied des Staatsopernorchesters und seit 2002 im Verein der Philharmoniker. Im Interview mit Alfred Solder spricht er auch über das anstehende Neujahrskonzert und Zubin Mehta.

Neujahrskonzert zwischen Routine und Medienevent

Alfred Solder: Sie sind erst wenige Jahre Mitglied der Wiener Philharmoniker. Wie halten das ihre älteren Kollegen: Ist für sie das Neujahrskonzert bereits zu einem wesentlichen Teil Routine oder doch nach wie vor etwas ganz Besonderes?
Michael Bladerer: Beim Neujahrskonzert herrscht doch eine besondere Spannung. Man weiß, es geht um viel, es werden wie immer an die 60 Millionen Zuschauer vor den Fernsehgeräten sein. Das ist schon ein ganz besonderes Konzert.

Ein reger Dirigenten-Wechsel wird bekanntlich nicht nur bei den Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker gepflegt. Es gehört zu ihrer Tradition, keinen Chefdirigenten zu haben. Den Wiener Philharmonikern werden immer wieder ein unverwechselbarer Klang und eine eigene Spielkultur bescheinigt. Eine prägende Dirigentenpersönlichkeit kann dafür nicht verantwortlich sein. Ist es vielleicht so, dass das Orchester seine klangliche Identität leichter wahren kann, weil es keinen Chefdirigenten hat und auch nie einen hatte?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Unser System hat sich, was uns betrifft, bewährt. Wir sind als Orchester eine sehr starke Persönlichkeit, da kann man vielleicht das Fehlen eines Chefdirigenten verkraften, weil vom Orchester selber sehr starke Akzente gesetzt werden und ein sehr großes Bewusstsein für Phrasierung, Artikulation und Stilistik vorhanden ist. Unser System hat den Vorteil, dass wir die Dirigenten, die wir haben, selber aussuchen und in der Regel mit ihnen sehr gut zusammen arbeiten. Ein ehemaliger Vorstand hat zu mir gesagt: "Wir begrüßen die Dirigenten sehr gerne, wir verabschieden sie aber auch wieder sehr gerne." Man hat nie genug von einem, das ist glaube ich ein sehr großer Vorteil.

Die Musiker der Philharmoniker bilden einerseits das Orchester der Wiener Staatsoper und als Wiener Philharmoniker sind sie andererseits ein Konzertorchester in eigener Regie und Verantwortung. Wird diese Doppelrolle mitunter zur Zerreißprobe?
Die Belastung ist enorm, es sind zwei Berufe. Wir arbeiten daher eigentlich beinahe doppelt so viel wie alle anderen Orchester. Es hat den Vorteil, dass wir durch das Opernspielen ein unglaubliches Maß an Flexibilität bekommen. Wir spielen 300 Abende pro Jahr in der Wiener Staatsoper. Davon sind bis zu 70 verschiedene Werke. Die werden nicht alle bis ins Detail studiert - das geht gar nicht vom Probenplan her. Das heißt man muss sehr wach sein, man muss viel Blattlesen können, man muss mit verschiedenen Dirigenten und Sängern zum Teil ohne Probe zusammen kommen. Alle Fühler sind extrem ausgestreckt und man muss auf alle Situationen gefasst sein. Das ist eine Facette, die sich im Konzertbetrieb günstig auswirkt - diese Reaktionsschnelligkeit auf unerwartete Situationen.

Was bedeutet das Voting von "Le Monde de la Musique" für ihr Orchester? Ist das eine nette Anerkennung, die man gerne so nebenbei mitnimmt, oder doch etwas mehr? Und hätten Sie nicht eher ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Kolleginnen und Kollegen in Berlin erwartet?
So ein Voting bedeutet schon etwas. Wir waren sehr sehr stolz und glücklich über das Ergebnis. Es hilft ja schon auch in der Argumentation, wenn man von verschiedenen Seiten angegriffen wird, dass man sagen kann: Österreich braucht sich nicht genieren für uns, wir sind Weltklasse. Wir haben das in diesem Fall einmal schwarz auf weiß bestätigt bekommen.

Zum Ergebnis, wie andere Orchester gereiht werden: Ich hätte auch erwartet, dass die Berliner Kollegen mit uns Kopf an Kopf liegen. Die sind jetzt vielleicht ein bisschen verunsichert durch dieses Votum. Ich will's auch nicht überbewerten, es kann in einigen Jahren ein anderes Votum sein und dann hat man auch keinen Grund zur Depression. Man muss schon wissen, wo man steht, warum man wo steht und für uns ist das ja kein Grund jetzt die Hände in den Schoß zu legen. Im Gegenteil, es spornt uns eher an, diese Position zu verteidigen und vielleicht sogar auszubauen.

Mehr zum Neujahrskonzert in oe1.ORF.at
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Neujahrskonzert ist Medienevent

Hör-Tipps
Auftakt, Montag, 1. Jänner 2007, 11:03 Uhr

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, Montag, 1. Jänner 2007, 11:15 Uhr

Im Künstlerzimmer, Gespräch mit Zubin Mehta, Montag, 1. Jänner 2007, 11:52 Uhr

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