Bangladeschs Ringen mit dem Wasser

Delta ohne Zukunft?

In Bangladesch wird sich der globale Klimawandel und der Anstieg des Meeresspiegels am stärksten auswirken, sagen Experten. 150 Millionen Menschen leben dort auf maximal zwei Meter Seehöhe. Und nicht nur das Wasser steigt, sondern auch die Zahl der Menschen.

Experten zum Zukunftsszenario infolge Klimawandels

In Bangladesch, das größtenteils keine zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt, ist ein weiteres schweres Jahr für die fast 150 Millionen zählende, bitterarme Bevölkerung angebrochen. Glaubt man nämlich Experten, wird sich in diesem Land der globale Klimawandel wohl am verheerendsten auswirken. Denn der Staat am Golf von Bengalen ist wie Wachs in den Händen nasser Gewalt. Aber nicht nur das Wasser steigt ...

Land des Wassers

Bangladesch liegt am unteren Ende von zwei der größten Flüsse der Erde - dem Ganges und der Brahmaputra. Während der Monsunzeit steht das ganze Land unter Wasser, weil die großen Flüsse auf dem Weg zur See Wasser herein transportieren. Hinzu kommt der starke Regen von oben. So wurden in diesem Gebiet die höchsten jemals gemessenen Niederschläge der Welt gemessen. "Bis zu 20 Meter Regen bringt der Monsun jährlich von Mai bis August", sagt der deutsche Wasserbauingenieur Knut Oberhagemann.

Der Regen bewirkt, dass der Flussspiegel um bis zu sieben Meter steigt, er bringt aber auch neben neuem Leben, das von den Millionen Tonnen Himalaya-Sedimenten angeschwemmt wird, den Tod.

Katastrophen am laufenden Band

Besonders viele Bewohner Bangladeschs sterben, wenn ein tropischer Wirbelsturm das Land trifft. Mit bis zu 280 Kilometern pro Stunde drücken diese Zyklone Meerwasser in die trichterförmige Bucht von Bengalen. Sturm und Flut schlagen an der Küste kaum vorstellbare Schneisen der Verwüstung und tragen Salzwasser bis weit ins Landesinnere.

1970 tötete ein Zyklon binnen Stunden 300.000 Einwohner; 1991 kamen 140.000 ums Leben. Vor allem in den rapide wachsenden Städten vermischen sich Abwässer mit in unterirdischen Tanks gespeichertem Trinkwasser. Die Folge: Textilfabriken saufen ab, Straßen zerbröseln, Gebäude kollabieren. 1988 waren vier Fünftel der Hauptstadt Dhaka überschwemmt. Damals und im Flutjahr 1998 summierten sich die Monsunschäden auf je zwei Milliarden Dollar. 2004 wurden nicht weniger als 900.000 Wohnhäuser und 1.300 Schulen zerstört.

Wenn Ufererosion den Lebensraum frisst

"Das Wasser trifft fast immer die Ärmsten", beteuert Knut Oberhagemann: "Vor allem auf dem Land, wo sie vielfach am Ufer der Flüsse oder auf Flussinseln siedeln müssen, weil es woanders keinen Platz für sie gibt. Die Flüsse sind hier sehr mobil, weil das Gebiet eben ein Delta ist - mit ganz feinen Sedimenten. Und da kann es dann bis zu einem Kilometer Ufererosion im Jahr geben."

Die Folge: Die Bengalen verlieren von einem Tag auf den anderen nicht nur ihr Haus, sondern auch das Grundstück, auf dem es steht. Bisweilen rutschen ganze Dörfer mit Schulen und Moscheen in den Fluss; und mit jedem verlorenen Quadratkilometer verlieren tausende Menschen ihren Lebensraum - 30.000 im Schnitt pro Jahr.

Vom schwimmenden zum ertragsreichen Reisanbau

1960 begannen die Bewohner, sich das vom Wasser beherrschte Land untertan zu machen und Agrarflächen systematisch einzudeichen. Fortan konnten sie mit Hilfe von Deichtoren und Kanälen Flächen kontrolliert be- und entwässern. In einem nächsten Schritt begann man dann, während der Trockenzeit Grund- und Flusswasser auf die Felder zu leiten:

"Diese großflächige Bewässerung hat erst dazu geführt, dass die Reisproduktion signifikant gestiegen ist", sagt Knut Oberhagemann. Plötzlich sei eine zweite Ernte möglich gewesen. Heute seien zwei Tonnen pro Hektar Reisertrag während des Monsuns und vier Tonnen pro Hektar während der Trockenzeit möglich, sodass insgesamt 2,4 Millionen Tonnen Reis jährlich produziert werden können.

Deichbaufolgen und Gegenmaßnahmen

Die unkontrollierte Deichbauerei, die Teil des 1988 von der Regierung eingesetzten "Flood Action Plans" war - das so genannte "water logging" - führte jedoch auch dazu, dass sich mit den Jahren viel sandiges Sediment vor den Deichwänden abgesetzt hat und das Flut- und Regenwasser nicht mehr abfließen kann. Daher versuchte man in der Folge, die Bevölkerung in die Pläne miteinzubeziehen.

Mittlerweile ist ein Drittel Bangladeschs durch Deiche und Entwässerungskanäle vor zumindest normalen Fluten geschützt. Immer mehr Straßen verlaufen auf Dämmen; durch die Aufspülung von Flusssand werden erhöht neue Siedlungen angelegt; auch an der Meeresküste ist eine auf normale Fluten ausgelegte Deichlinie fast fertig. Vor Zyklonen schützen dort stabile Mehrzweckgebäude auf Stelzen. Auch die Uferzonen wurden kostengünstig und umweltfreundlich mit Sandsäcken unter Wasser verstärkt, ein Projekt von Knut Oberhagemann und seiner Firma, die auch eine Menge Jobs schaffe.

Ökologie und Bevölkerungsexplosion

Durch die Versalzung der Böden und die Versalzung des Wassers ist aber in jüngster Zeit auch das ökologische Gleichgewicht in den Sundarbans und in ganz Südwest-Bangladesch in Mitleidenschaft gezogen worden. Verantwortlich dafür ist unter anderem auch die unkontrollierte Garnelenzucht der ansässigen Bauern. Am stärksten bedroht ist dieses Gebiet jedoch durch die Wasserpolitik Indiens, das am Ganges immer mehr Staudämme errichtet und dadurch seinem Nachbarn in der Trockenzeit das Wasser entzieht.

Das Ringen mit den Fluten ist in Bangladesch jedoch nur eine von vielen Sorgen. Die wohl größte Sorge ist das Bevölkerungswachstum. So werden in dem Land in 30 Jahren 280 Millionen Menschen leben. Wer soll die dann ernähren? Eine Massenauswanderung wird befürchtet, nicht zuletzt angeheizt vom befürchteten Klimawandel, in dessen Folge Experten in den kommenden Jahren sintflutartige Überschwemmungen ankündigen.

Hör-Tipp
Journal-Panorama, Mittwoch, 21. Februar 2007, 18:25 Uhr

Link
Wikipedia - Bangladesch

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