Eisflüstern

In ihrem neuen Roman führt Bettina Baláka ihre Leser zurück ins Wien der 1920er Jahre. Ihr Protagonist Balthasar Beck kehrt 1922 nach Wien zurück und muss sich mit privaten, sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen zurecht finden.

Ein grausiger Knochenfund in einem Müllraum ist Ausgangspunkt einer ganzen Kette von mysteriösen Mordfällen, die erst auf den letzten Seiten des Romans aufgeklärt werden. Auf den 370 Seiten dazwischen entwirft Bettina Baláka ein genau recherchiertes Bild der Zwischenkriegszeit, einer Zeit, die für die 1966 geborene Autorin vor der Arbeit an ihrem Buch kaum mehr war als eine verschwommene Skizze aus dem Geschichtsunterricht.

Rückkehr ins frühere Leben

Wien 1922. Die gerade abgeschaffte Monarchie spukt genauso in den Köpfen der Menschen herum wie ein sich langsam radikalisierender Antisemitismus. Protagonist der Geschichte ist der Kriegsheimkehrer Balthasar Beck. Jahrelang war er in russischer Gefangenschaft, mühsam versucht er sich nun in seinem alten Leben und an seinem früheren Arbeitsplatz bei der Kriminalpolizei zurechtzufinden. Auch scheut er sich davor, seine Frau Marianne wiederzusehen.

Erinnerungen an die Gefangenschaft

Besonders eindringlich beschreibt Bettina Balaka Becks grauenvolle Erinnerungen an seine Gefangenschaft, an die Gemetzel und die Gräuel des Krieges.

Wenn Beck unter einer Stacheldecke von Eiszapfen lag, konnte er seinen Durst nicht beherrschen. Er wusste, dass er mit dem Eiswasser den eigenen Tod einsaugen konnte, und saugte doch. So wie man am Rand der Wüste das Salzwasser trank. Wenn Beck bei minus 45 Grad ausatmete, entstand vor seinem Mund eine Wolke aus weißen Kristallen mit einem eigenartigen knisternden Geräusch. "Eisflüstern" wurde das genannt.

Ironischer Blickwinkel

Nach Tagen und Nächten der Ungewissheit auf den Straßen und in Wärmestuben entschließt sich Beck doch, seine Frau aufzusuchen. Mit einem Hauch von Ironie schildert Bettina Baláka das unsentimentale Wiedersehen der beiden einander fremd gewordenen Eheleute, denn Beck steht ausgerechnet an jenem Abend vor Mariannes Tür, als diese ihren Liebhaber erwartet.

"Durch diesen ironischen Blickwinkel ist der Geschichte das Pathos genommen", findet Baláka. "Sie haben Probleme, aber sie raufen sich zusammen. Ich wollte meinem Protagonisten diesen Halt in der Familie geben, um ihm die Tragödie nicht zu ersparen. Am Ende."

Service

Bettina Baláka, "Eisflüstern", Literaturverlag Droschl