Der Brecht-Boykott

Bertolt Brecht, dessen Todestag sich am 14. August zum 50. Mal jährte, war im Österreich der 1950er und 1960er Jahre auf Grund seiner politischen Einstellung als Kommunist verpönt. Seine Stücke wurden 13 Jahre lang an keinem etablierten Theater aufgeführt.

Auf Betreiben von Gottfried von Einem hätte Bertolt Brecht, der nach der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft durch die Nationalsozialisten staatenlos war, 1950 die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen sollen. Dies scheiterte jedoch, als die Verleihung öffentlich bekannt gegeben wurde, denn der Dichter war zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner Frau, der Schauspielerin Helene Weigel, einer gebürtigen Wienerin, nach Ost-Berlin gezogen und hatte dort das Berliner Ensemble gegründet.

Die österreichische Öffentlichkeit reagierte darauf mit einem Proteststurm. Anfragen im Salzburger Landtag und im Nationalrat hatten "den Kommunisten Brecht" zum Thema und die führenden Theater, allen voran das Wiener Burgtheater und das Theater in der Josefstadt, weigerten sich, fortan Brecht zu spielen.

Spannungen im Kalten Krieg

Zwei weitere Gründe, die zu einer Eskalation der Situation führten, die schließlich in einem 13-jährigen Brecht-Boykott gipfelte, waren die zunehmenden Spannungen zwischen West und Ost im Kalten Krieg, sowie ein Brief Brechts, den dieser nach der blutigen Niederschlagung des Arbeiteraufstandes 1953 in Ost-Berlin an Walter Ulbricht, den Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, geschickt hatte. Das Schriftstück war in den Medien verkürzt wiedergegeben worden und ließ den Dichter als Sympathisanten des kommunistischen Regimes erscheinen.

Die Polemiken gegen Bertolt Brecht erreichten Ende der 1950er Jahre ihren Höhepunkt. In Wien hatten sich die Schriftsteller Friedrich Torberg und Hans Weigel als besonders massive Brecht-Gegner hervorgetan. In der Kulturzeitschrift "Forum" stellte Torberg die Frage "Soll Brecht in Österreich gespielt werden?" zur Diskussion und auch die Theaterzeitschrift "Bühne" schwenkte in den allgemeinen Anti-Brecht-Kurs ein, indem sie die Weigerungen der Theaterdirektoren Franz Stoß und Ernst Haeussermann, Brecht zu spielen, abdruckte.

Neubeginn am Volkstheater

Mit Ausnahme vereinzelter Aufführungen in den Bundesländern gab es in der Folge in Wien, neben einigen Kellertheatern, nur eine einzige große Bühne, auf deren Spielplan sich trotz massiver Schwierigkeiten Brecht-Stücke fanden. Es handelte sich dabei um das 1948 von zurückgekehrten österreichischen Emigranten in der sowjetischen Besatzungszone gegründete "Neue Theater in der Scala". Brecht selbst inszenierte dort - von der Kritik totgeschwiegen - 1953 sein Stück "Die Mutter" mit Helene Weigel in der Hauptrolle.

Durchbrochen wurde der Brecht-Boykott erst 1963. Theaterdirektor Leon Epp brachte 1963 an seinem Haus, dem Wiener Volkstheater, nicht nur erstmals mit Gustav Mankers Inszenierung der "Mutter Courage" wieder Brecht an eine bedeutenden österreichische Bühne, er kündigte gleichzeitig auch einen Brecht-Zyklus an. Neben dieser Entscheidung Epps hat auch der große Erfolg, den Brechts Werke inzwischen international erlangt hatten, dazu beigetragen, dass sich der Boykott nicht mehr länger halten ließ. Und so war Brecht 1966 auch wieder am Burgtheater zu sehen. Ernst Haeussermann ließ Curd Jürgens die Titelrolle in "Das Leben des Galilei" spielen.

Es dauerte jedoch noch einige Zeit, bis man in Österreich dem Dramatiker Brecht wieder sachlich, wenn auch durchwegs kritisch, auf Wiener Bühnen begegnete. Dazu zählen die Brecht-Inszenierungen von DDR-Regisseuren am Burgtheater unter der Direktion von Achim Benning, aber auch die Arbeiten von Conny Hannes Meyer und seiner Gruppe "Die Komödianten" sowie von Dieter Haspels "Ensembletheater" führten in den 1970er und 1980er Jahren dazu, dass sich auch andere österreichische Kulturschaffende wieder für Brecht aussprachen.

Für Peymann ein "Anti-Globalierungsdichter"

Claus Peymann, derzeitiger Intendant des von Bertolt Brecht gegründeten Berliner Ensembles, sieht den Dramatiker heute als Anti-Globalierungsdichter. Der politische Brecht sei ganz stark im Kommen, meint Peymann. "Es geht darum, der eigentlichen Form von Theater wieder näher zu kommen, das heißt Solidarität mit den Schwachen und Demaskierung der Mächtigen", erklärt Peymann.

"Die Menschen spüren eine große Sehnsucht nach Aufklärung. Brecht kann heute den Menschen helfen, die richtigen Fragen zu stellen und manchmal auch die richtigen Antworten zu geben", meint Peymann. "Woher kommt das Unrecht? Wie kann man die Welt verbessern? Warum ist die Polizei immer auf der falschen Seite? Warum hört der Krieg in der Welt nicht auf?"

Lange nicht gespielte, scheinbar altmodische Stücke wie "Die Mutter" oder "Die Kleinbürgerhochzeit" haben nach Ansicht von Peymann plötzlich eine große Aktualität bekommen. Natürlich müsse man Brechts Stücke heute etwas abstauben. "Aber die Sprache klappt noch. Sie ist ganz lebendig", meint Peymann. "In einer Welt der zunehmenden Ökonomisierung, Globalisierung und Undurchschaubarkeit der Machtstrukturen gibt Brecht uns einen Schlüssel, um hinter die Masken der Mächtigen zu schauen", erklärt der Theatermacher. "Brecht ist eigentlich die Avantgarde." Das Berliner Ensemble sei deshalb "wieder zu Brecht zurückgekehrt oder besser vorangeschritten."

Einstand mit "Arturo Ui"

Peymanns erstes unvergessliches Brecht-Erlebnis war übrigens die legendäre Palitzsch/Wekwerth-Inszenierung von "Arturo Ui" mit Ekkehard Schall in der Hauptrolle, die er als Schüler "zehn-, 15-mal gesehen" hat. Das Erbe Brechts am Berliner Ensemble empfindet der Intendant nicht als Last. "Brecht ist nicht nur in der ganzen Welt lebendig, sondern ganz besonders in seinem Theater, wo im August unter anderem die 350. Vorstellung seines 'Arturo Ui' gegeben wird."

Am 12. August hat das Berliner Ensemble mit einer großen Gala an den Dramatiker erinnert. Die Gala war Auftakt für das "Brecht-Fest". Dabei sind bis zum 3. September neben Gastspielen aus Deutschland auch Brecht-Inszenierungen aus Japan, Ungarn, Spanien, Frankreich, Kroatien und Italien zu sehen.