Ein Kapellmeister und kein Show-Dirigent

Heinrich Hollreiser gestorben

Er selbst verstand sich als dem Werk dienender Musiker: Heinrich Hollreiser, der am Montag im 94. Lebensjahr gestorben ist. An der Wiener Staatsoper, deren Ehremitglied er war, debütierte er 1951 und war neun Jahre lang erster Kapellmeister des Hauses.

Er war nie ein Show-Dirigent, vielmehr stets ein dem Werk dienender Musiker, der sich selbst als "Kapellmeister" begriff: Heinrich Hollreiser ist, wie die Wiener Staatsoper meldet, am 24. Juli im 94. Lebensjahr in Scheffau bei Kufstein verstorben.

Hollreiser debütierte an der Staatsoper - die damals noch im Theater an der Wien und an der Volksoper spielte - 1951 mit "Fidelio". Mit seinem Tod habe man "einen der letzten großen, echten Kapellmeister verloren", hieß es in einer ersten Reaktion von Bundestheater-Holdingchef Georg Springer.

Über 1.080 Vorstellungen in Wien

Bis 1994 stand Heinrich Hollreiser nicht weniger als 1.080 Mal - u. a. bei zahlreichen Premieren - am Pult der Wiener Staatsoper. Die nahezu unglaubliche Zahl von 54 unterschiedlichen Opern, die er in seinem rund 40-jährigen Wirken im Haus am Ring geleitet hat, zeugen darüber hinaus von der enormen Bandbreite seines Repertoires.

Ob Mozart oder Beethoven, italienische, deutsche oder französische Werke, Populäres oder seltener Gespieltes vom 17. bis zum 20. Jahrhundert - Heinrich Hollreiser war überall gleichermaßen zu Hause. Als umsichtigen Begleiter schätzten ihn die Sänger, als einen, der sich auch ohne Probenarbeit mit wenigen Zeichen verständlich machen konnte, die Musiker im Orchestergraben.

Erster Kapellmeister von 1952-1961

In seiner Funktion als 1. Kapellmeister der Wiener Staatsoper (1952-1961) leitete Heinrich Hollreiser im Rahmen des Opernfestes anlässlich der Wiedereröffnung des Hauses am Ring die Ballett-Uraufführung von Boris Blachers "Der Mohr von Venedig".

Einen großen Triumph erntete er 1967 mit Bergs "Wozzeck" beim Operngastspiel der Wiener Staatsoper in Montreal.

Von Krauss nach München engagiert

Heinrich Hollreiser wurde am 24. Juni 1913 in München geboren. Mit 17 dirigierte er bereits eine Studioaufführung von Webers "Freischütz". Nach dem Studium bei Karl Elmendorff erhielt er als Opernkapellmeister Verpflichtungen in Wiesbaden, Darmstadt, Mannheim und Duisburg. 1942 wurde er von Clemens Krauss an die Staatsoper München verpflichtet.

Nach dem Krieg erhielt Hollreiser eine Berufung nach Düsseldorf als damals jüngster Generalmusikdirektor in Deutschland und blieb bis 1952 dort, wo er Anregungen von Gustaf Gründgens empfing, der neben seiner Schauspiel-Tätigkeit auch Opern inszenierte. Seine internationale Karriere führte ihn nach Bayreuth, an die Londoner Covent Garden Opera, die New Yorker Metropolitan Opera, nach Buenos Aires, Mexiko bis Moskau und Japan.

Zwischen Wien und Berlin

1961 übernahm er an der neu eröffneten Deutschen Oper Berlin, zunächst dem schon vom Tode gezeichneten Generalmusikdirektor Ferenc Fricsay nachgeordnet und dann allein, die musikalische Oberleitung, die er bis 1964 innehatte. Seither teilte Hollreiser seine Tätigkeit überwiegend zwischen Wien und Berlin.

Auch in Bayreuth

In Bayreuth hat Hollreiser 1973 und 1974 den von Götz Friedrich 1972 auf dem "Grünen Hügel" inszenierten "Tannhäuser" und 1975 "Die Meistersinger von Nürnberg" in der Inszenierung Wolfgang Wagners dirigiert.

Als Konzertdirigent leitete Heinrich Hollreiser u. a. die Wiener Symphoniker, die Berliner Philharmoniker, die Bamberger Symphoniker und das Cleveland Orchestra.

Wagner, Strauss und Moderne

Zu den bevorzugten Komponisten in Hollreisers Repertoire auf der Opernbühne gehörten Richard Wagner und Richard Strauss. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten Werke des 20. Jahrhunderts wie Alban Bergs "Wozzeck", Stücke von Igor Strawinsky, Bela Bartok und Gottfried von Einem.

1970 erhielt er vom österreichischen Bundespräsidenten das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse.

Hör-Tipp
Österreich 1 ändert in memoriam Heinrich Hollreiser sein Programm:
Apropos Oper, Donnerstag, 27. Juli 2006, 15:06 Uhr

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