Der Maler und Bildhauer Ernst Eisenmayer

Wenn er nach Jahren seine Werke wieder ansieht, bleibt für den Maler und Bildhauer Ernst Eisenmayer noch immer ein "Element des Mysteriösen". Die Würde des Menschen und ihre Bedrohung ist das Thema, das man in allen seiner künstlerischen Werke findet.

Ernst Eisenmayer findet überall geeignetes Material.

Wenn er nach Jahren seine Werke wieder ansieht, bleibt für den Maler und Bildhauer Ernst Eisenmayer noch immer ein "Element des Mysteriösen". Die Würde des Menschen und ihre Bedrohung ist das Thema, das man in allen seiner künstlerischen Werke findet.

Die Würde des Menschen und ihre Bedrohung ist das Thema, das man in allen künstlerischen Werken von Ernst Eisenmayer findet.

Es lebe der Unterschied!

Er lässt sich als Künstler in keine Schublade stecken: Der 86-jährige Ernst Eisenmayer ist vor zehn Jahren wieder nach Österreich zurückgekehrt. Schnöde Interpretationsversuche lehnt der verschmitzt und freundlich blickende Künstler ab, dagegen dass jedes Werk eingeordnet und klassifiziert werden muss, verwehrt er sich: "Vive la différence! Stellen Sie sich vor, alle wären wie Sie oder ich!"

Emigration 1939

1920 in Wien geboren, gelang ihm 1939 die Emigration nach England, wo er bis 1975 blieb. Dann zieht es ihn nach Italien in die Gegend von Carrara und später nach Amsterdam. Jetzt ist er wieder in Wien.

Ernst Eisenmayer lebt im Maimonides-Zentrum, im jüdischen Altersheim. Hier hat er eine kleine ebenerdige Wohnung. Vor den Fenstern und der Terrassentür stehen auf Tischen viele Blumentöpfe. Wenn man die Schwelle überschreitet, dann befindet man sich in einer anderen Welt.

Ein Blatt wird zum Vogel

Fein, filigran und sorgfältig arrangiert, so sieht ein Teil der Welt von Ernst Eisenmayer aus: Auf kleinen Styroporpodesten versammelt, hocken die unterschiedlichsten Gestalten und Formen. Kein Ding hat einen Namen, aber einige gegenständliche Figuren erkennt man auf Anhieb. Und auch das Material: Es sind Pflanzen- und Blumenteile, die hier zu einem neuen Leben erweckt werden.

Ein Blatt ist ein Blatt ist ein Blatt. Nein, so einfach ist es bei Ernst Eisenmayer nicht, denn das Blatt mutiert zu einem Vogel, zu einem Tier oder zu einem Flügel. Wenn man die Kunstwerke von Ernst Eisenmayer gesehen hat, dann sieht man die Natur auf einmal anders, jedes sonst achtlos gebliebene Blatt wird lebendig und man sinniert, das Blatt in Händen haltend, was es denn für eine Gestalt sei.

Der Mensch und die "Anderen"

Kurz vor Kriegsende und danach hat Eisenmayer einige Zeichnungen angefertigt, die sich mit den NS-Verbrechern auseinandersetzen. Auf einer Kohle-auf-Papier-Zeichnung sieht man den "Stubenältesten", eine Gestalt in Gefängnisuniform, kahl geschoren, auf der Brusttasche eine Nummer. Der Blick starr, angsterfüllt und hoffnungslos. Ein Mensch in existenzieller Not. Das ist ein Thema, das Ernst Eisenmayer künstlerisch sein ganzes Leben lang beschäftigt: das Individuum und die "Anderen", der Mensch in seiner Grausamkeit und in seiner Hilflosigkeit.

Ernsthaft und humorvoll

Ernst Eisenmayer arbeitet die ganze Zeit. Wenn er keine Figuren entwirft, nicht am Computerbildschirm zeichnet, dann schreibt er über Kunst und viele andere Themen, die ihn interessieren und bewegen. Er ist ein ernsthafter Mensch, dem aber auch der Schalk im Nacken sitzt. In einer Mappe finden sich Zeichnungen von Limericks von Ernst Eisenmayer, sowohl englisch als auch deutsch geschrieben.

Verpasst

erst Mitleid zu empfinden
wenn man selbst leidet
ist leidlich
verspätet

Das Wesentliche bleibt

Zunächst überwog in den Darstellungen das Gegenständliche, doch immer mehr geht Eisenmayer in die Abstraktion, sodass nur mehr das Wesentliche bleibt.

Ob es das Bild "Warteschlange" oder "Die Rolltreppe" aus den frühen 1960er Jahren sind, es sind Menschen, die zwar im Vordergrund des Bildes angesiedelt sind, aber in die Umgebung integriert sind. Sie sind ein Teil geworden von der Welt, in der sie leben und in der sie sich bewegen.

Die Würde verteidigen

Jedes Material, das Ernst Eisenmayer angreift, verändert seinen Zustand und wird zu etwas anderem, wie z.B. die Teerose: auf den ersten Blick sieht man eine Rose, geht man näher dann gewahrt man, dass sich die besagte Teerose aus getrockneten Teebeuteln zusammensetzt und so zu einer ganz speziellen "Teerose" wird.

Ernst Eisenmayer ist - wie er sagt - "aus dummen Gründen" nach Österreich zurückgekommen. In Amsterdam hat er eine Allergie auf die Fungizide im Trinkwasser bekommen, zuletzt wog er nur noch 46 Kilo und kam nach Österreich, wo es ihm gesundheitlich wieder besser geht. Er besitzt nach wie vor die britische Staatsbürgerschaft, um die österreichische hat er sich nicht gekümmert.

Mit Österreich - hat man den Eindruck - verbindet ihn eine "freundliche" Distanz. Anlässlich der Eröffnung der Bregenzer Festspiele definierte der Schriftsteller Arno Geiger als Aufgabe der Kunst: "die unantastbare Würde des Menschen zu verteidigen" - und dies gilt auch für das Werk und den Menschen Ernst Eisenmayer.

Mehr zu Arno Geigers Rede in oe1.ORF.at

Hör-Tipp
Menschenbilder, Sonntag, 23. Juli 2006, 14:05 Uhr

Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonenntInnen können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.

Veranstaltungs-Tipp
Ausstellung mit Werken Ernst Eisenmayers, Zentrale des Botanischen Gartens in 1030 Wien, Rennweg 14, ab 15. September 2006

Link
Botanischer Garten