Die große Entdeckung der Südamerika-Qualifikation
Ecuador
Am 9. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Einen Monat lang wird "König Fußball" das dominierende Thema in den Medien und der Gesellschaft sein. Bis dahin stellt Ihnen oe1.ORF.at die 32 teilnehmenden Nationen vor.
8. April 2017, 21:58
Ecuador, 13 Millionen Einwohner, ist mit 283.560 Quadratkilometern ein kleines Land in Südamerika, hat aber an allen großen landschaftlichen Wundern des Kontinents teil: Das Herz liegt in den Anden mit ihrer alten indianischen Bevölkerung, ein Zipfel ragt in die tropische Tiefebene des Amazonas, das fruchtbare Küstengebiet, einst Hort der Großplantagen und der Sklaverei, bildet heute den Motor der Modernisierung. Ecuador kennt aber auch alle Probleme Südamerikas.
In Catamayo, einer kleinen Bauerngemeinde im Süden des Landes an der Grenze zu Peru, fand auf einem staubigen Fußballplatz jeden Nachmittag ein Spielchen statt. Aber plötzlich war der Torhüter weg, dann fehlte der Mittelstürmer.
12.000 Einwohner zählte Catamayo, innerhalb von zwei Jahren sind 1.500 Leute weggezogen, weg von der Armut, weg von einer politischen Instabilität, die im vergangenen Jahrzehnt sieben Präsidenten verschlissen hat. Die meisten wurden vom Volk aus dem Amt gejagt.
Die jüngste Krise Ecuadors begann 1995 mit einem absurden Krieg gegen Peru. Dann wurde, zugunsten des Dollars, die einheimische Währung abgeschafft, der Mittelstand verarmte. Binnen weniger Jahre verließen drei Millionen Ecuadorianer ihr Land. Mit dem Geld, das sie nach Hause schicken, überleben die Zurückgebliebenen. Es ist mehr als die Einnahmen für Bananen und Krabben, den traditionellen Exportartikeln des Landes.
Zum zweiten Mal in Folge hat sich Ecuador nun für die WM qualifiziert. Dieses fußballerische Wunder ist einer Reihe von, notabene, kolumbianischen Trainern zu verdanken, denen es gelang, den traditionellen Graben zwischen Spielern aus dem indianischen Hochland und den Abkömmlingen der Sklaven aus dem Küstengebiet zu schließen. Neben der guten Technik und der ausgewiesenen Kampfkraft der Spieler wussten sie während der Qualifikation auch einen Standortvorteil zu nutzen: Sie setzten die Heimspiele in der Hauptstadt Quito an, auf 2.800 Metern Höhe und immer um zwölf Uhr mittags, wenn die Sonne besonders unerbittlich brennt. So wurden - zu Hause - Argentinien und Brasilien geschlagen.
Die Politiker sind mit ihren Bemühungen um die Befriedung des Landes weit weniger erfolgreich. Im August des vergangenen Jahres kam es in zwei Provinzen der Amazonasregion zu gewaltsamen Protesten. An der Küste, die mit ihrer Erdölproduktion fast die Hälfte des staatlichen Haushalts erwirtschaftet, lebt die Bevölkerung in Armut. "Forajidos" (Banditen) hat Präsident Gustavo Noboa jene Menschen genannt, die auf der Straße für eine gerechtere Verteilung der Einnahmen protestierten. Sie haben ihn zu Fall gebracht.
Und die Spieler von Catamayo? Sie treffen sich wieder jeden Sonntag. Wo? In Madrid. In einem Park erholen sie sich von ihrer Arbeit als Maurer, Straßenfeger und Küchengehilfe.
Dieser Text entstammt einer Kooperation mit "Anstoss", der Zeitschrift des Kunst- und Kulturprogramms zur FIFA WM 2006; ein Projekt von André Heller.
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