Schöner Mann mit erotischer Stimme

Er war einer der schönsten Opern-Tenöre: Tino Pattiera, der vor 40 Jahren starb. Sein Debüt hatte der gebürtige Altösterreicher, einer der großen Vertreter der Verdi-Renaissance, 1916 in Dresden als Manrico. Den Lebensabend verbrachte er in Wien.

Tino Pattiera über seinen Beginn in Dresden

Als Martin (Tino) Pattiera am 27. Juni 1890 in Cavtat als zweites von zehn Kindern geboren wurde, hieß dieses kleine malerische Adria-Städtchen noch Ragusa vecchia, das heutige Dubrovnik Ragusa und gehörte natürlich zur österreichisch-ungarischen Monarchie.

Pattiera hat sich daher stets als Altösterreicher gefühlt und war besonders glücklich, seinen Lebensabend gerade in Wien verbringen zu können. In jener Stadt, in der durch kunstbeflissene, adelige Kreise sein Talent erst in entsprechende Bahnen gelenkt wurde.

Sensations-Debüt als Manrico

Cavaliere Ranieri - Professor des Mailänder Konservatoriums- und im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Wien als Privatlehrer tätig -, übernahm seine Ausbildung und nach nur zweijährigem Studium konnte Pattiera bereits ein Angebot der Dresdener Hofoper zum Vorsingen annehmen.

Der dortige Intendant Graf Seebach und sein Generalmusikdirektor Ernst von Schuch griffen sofort zu und boten dem jungen Eleven einen 7-Jahresvertrag an: zwei Jahre Vorbereitung, fünf Jahre mit entsprechenden Hauptrollen. Am 10. Februar 1916 (wenige Monate nach einem probeweise gesungenen 1. Geharnischten in der "Zauberflöte") kam es schließlich zu seinem Sensations-Debüt als Manrico im "Troubadour" von Giuseppe Verdi - Dresden hatte seinen neuen Tenor-Gott!

1920 erstes Wien-Gastspiel

Noch im Jahr dieses Debüts nahm er auch schon seine ersten Schallplatten auf, doch nur wenige geben das wieder, was er bei günstiger Disposition wirklich leisten konnte. Nicht zufällig haben auch Tenor-Kollegen immer wieder Pattieras Bedeutung anerkannt, nicht zuletzt auch Richard Tauber, der mit ihm zusammen in Dresden engagiert war und sich sofort mit ihm angefreundet hat.

Es dauerte nicht lange, und auch das Ausland begann sich für den neuen Tenor-Star zu interessieren. Bereits 1920 absolvierte er ein erstes Gastspiel in Wien, dem im Laufe der Jahre noch eine Reihe weiterer folgen sollten. 1921 gastierte er in den USA, doch die amerikanische Lebensart behagte dem bisweilen recht eigenwilligen Künstler nach eigener Aussage nur wenig.

Exponent der Verdi-Renaissance

Schließlich war er inzwischen durch die Heirat mit einer Nichte seiner Wiener Gönnerin, der Gräfin Schaffgotsch, zum Schlossherrn geworden und lebte in seinem geliebten "Elbflorenz" tatsächlich wie ein Märchenprinz. Auch künstlerisch blieb kaum ein Wunsch offen:

Der neue Generalmusikdirektor Fritz Busch erkannte ebenfalls sofort seine Vorzüge und fand in Pattiera vor allem in der damals beginnenden Verdi-Renaissance einen idealen Interpreten.

Abgesang Mitte der 1930er

Dennoch gab es immer wieder Gerüchte über skrupellose Zügellosigkeit, übersteigertes Selbstbewusstsein und ähnliche Charakterschwächen. Mag vieles davon auch übertrieben gewesen sein, zumindest ein Körnchen Wahrheit dürfte doch dahinter stecken. Mitte der 1930er Jahre begann sein Stern nämlich ziemlich rasch zu verglühen:

Nicht nur, dass er mit dem neuen Dresdner Chef Dr. Karl Böhm kaum harmonierte, war auch seine Ehe zerbrochen, eine zweite hielt ebenfalls nur kurz. Noch dazu verschlimmerte sich seine Zuckerkrankheit stetig. Schließlich "flüchtete" Pattiera aus Dresden zu Freunden nach Prag, was ihm immerhin ersparte, die von ihm so geliebte Stadt in Flammen aufgehen zu sehen.

Lehrer an der Wiener Musikakademie

Nach dem Krieg aber konnte er plötzlich neue Hoffnung schöpfen. Er erhielt eine Einladung, als Professor nach Wien an die Musikakademie zu kommen - und nahm freudig an. Doch auch diese offizielle Tätigkeit vertrug sich kaum mit seinem doch etwas schwierigen Wesen, das andererseits aber im Umgang mit Schülern und Kollegen kaum zu Tage getreten ist.

Immerhin haben stets auch längst arrivierte Künstler bei ihm Rat gesucht, so u. a. Hilde Güden, Maria Reining, Hans Beirer, George London, Max Lorenz, Paul Schöffler oder Rudolf Schock.

Abschiedskonzert 1952 in Dresden

Am 29. Jänner 1952 gab Tino Pattiera in seinem geliebten Dresden schließlich sein letztes Konzert - und verblüffte mit einem anspruchsvollen Programm selbst jene Zweifler, die seine Stimme längst als verloren angesehen hatten.

So gern er auch in Wien gelebt hat, schon allein wegen "seines" Fußballvereines "Rapid", so gern reiste er immer wieder in seine Heimat, so auch Anfang April 1966. Es sollte seine letzte Reise werden. Am 24. April 1966 starb Tino Pattiera in Cavtat in den Armen seines jüngeren Bruders Frano.

Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 18. April 2006, 15:06 Uhr

Links
Cavtatportal.com - Tino Pattiera
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