Bartoks Konzert für Orchester

Es zählt zu den meistgespielten Werken des 20. Jahrhunderts und seine Entstehungsgeschichte hat etwas Märchenhaftes: Bela Bartoks Concerto. Der damals kranke Komponist erhielt 1943 im US-Exil den Auftrag dafür von der Koussevitzky-Stiftung.

Bartok-Konzert, 2. Satz: Péter Eötvös, Georg Solti

"Die allgemeine Stimmung der Komposition kann - mit Ausnahme des spaßigen zweiten Satzes - als ein schrittweiser Übergang vom Ernst des ersten Satzes und dem Klagelied des dritten zur Lebensbejahung des Schlusssatzes angesehen werden. Der Titel des sinfonie-artigen Orchesterwerkes wird durch die konzertierende oder solistische Verwendung gewisser Instrumente bzw. Instrumentengruppen gerechtfertigt", so Bela Bartok über sein Konzert für Orchester.

Dieses Werk Bartoks, das im Dezember 1944 in Boston uraufgeführt wurde und zu den am meisten gespielten und auch aufgenommenen Kompositionen des 20.Jahrhundertszählt, steht diesmal im Zentrum des Interpretationsvergleichs.

Bei Eötvös akzentuiert, bei Solti spielerisch

Das Konzertieren, das Bartok im Titel anspricht, das passiert besonders im zweiten Satz. Hier können die Bläser in Musikantenlaune brillieren und paarweise zeigen, was sie können. In einem ganz bestimmten Intervallabstand tanzen sie jeweils umeinander. Die Reihenfolge der Paare ist folgendermaßen: Fagotte, Oboen, Klarinetten, Flöten und Trompeten. Beim Gustav Mahler Jugendorchester unter Peter Eötvös klingt das sehr reliefartig, weil sehr genau akzentuiert.

Noch einmal der trommelnde Aufruf zur Gespanntheit, dann stellen sich die Fagotte ins Licht: etwas kühler und lakonischer ist dieser Teil beim World Orchestra for Peace unter Sir Georg Solti zu hören. Nach dem Blechbläserchoral, der eine gewisse barocke Stimmung wachruft, ziehen dann noch einmal paarweise Fagotte, Oboen, Klarinetten, Flöten und Trompeten auf. In Soltis Interpretation ist diese Stelle spielerisch, federnd, aber doch von einer großen Unerbittlichkeit getragen zu hören.

Einer von Soltis Lieblingskomponisten

Bela Bartok zählte für Solti immer zu seinen Lieblingskomponisten - schließlich kannte er ihn noch persönlich und hatte als 14-Jähriger bei ihm einige Wochen Klavierunterricht erhalten. Und Solti bekannte auch immer, von Bartok sehr beeinflusst worden zu sein.

Eine fast märchenhafte Genesis

Die Entstehungsgeschichte von Bartoks Konzert für Orchester hat etwas Märchenhaftes: Ein mittelloser, kranker Komponist erhält im amerikanischen Exil in einem Krankenhaus in New York im Mai 1943 einen Besuch des Kollegen Serge Koussevitzky - und einen großzügigen Kompositionsauftrag der Koussevitzky-Stiftung für das Boston Symphony Orchestra. Honorar: 1.000 Dollar.

Das vorangegangene Jahr 1942 war für Bartok eine Katastrophe gewesen: keine Arbeit an der Columbia University, keine Auftritte als Pianist, keine Konzerte, in denen Bartok auf dem Programm stand und aus Europa kein Geld. Und die Anregung für den Auftrag der Koussevitzky-Stiftung kam von zwei Ungarn: vom Geiger Joseph Szigeti und vom Dirigenten Fritz Reiner.

1944 in Boston uraufgeführt

Das Märchen geht weiter: Beflügelt von diesem Auftrag, bessert sich Bartoks Gesundheitszustand. In verblüffend kurzer Zeit - zwischen August und Oktober 1943 - entsteht Bartoks längste symphonische Komposition. Wobei man heute längst weiß, dass der Komponist bereits davor Gedanken und Skizzen für ein derartiges Concerto hatte.

Uraufgeführt wurde das Konzert schließlich in Boston am 1. Dezember 1944 vom Boston Symphony Orchestra. Fritz Reiner, sieben Jahre jünger als Bartok, spielte das Werk dann 1955 mit dem Chicago Symphony Orchestra ein und verschaffte ihm damit weltweit Anerkennung. Gleichzeitig legte er mit seiner Aufnahme die interpretatorische Latte für alle Nachfolger sehr hoch: alles, was andere zum Effekt aufdonnern, ist für ihn nur eine Farbe, ein Puzzlestein in der Architektur des Stücks.

Das "World Peace Orchestra"

Das "Welt Orchester für den Frieden", bestehend aus 79 Mitgliedern aus 45 verschiedenen Ländern, war eine einmalige Unternehmung anlässlich des 50.Geburtstags der Vereinten Nationen im Jahr 1995.

Gustav Mahler Jugendorchester

Das Gustav Mahler Jugendorchester (GMJO), 1986 auf Initiative von Claudio Abbado, Thomas Angyan und Hans Landesmann gegründet, gilt nach wie vor als das führende Jugendorchester weltweit. Neben der Förderung des Musiker-Nachwuchses war es ein besonderes Anliegen der Gründer, das gemeinsame Musizieren junger österreichischer Musiker mit Kollegen aus der damaligen CSSR und Ungarn zu fördern.

Seit 1992 ist es für Musiker bis zum 26. Lebensjahr aus ganz Europa zugänglich und steht als gesamteuropäisches Jugendorchester unter dem Patronat des Europarates.

Hör-Tipp
Ausgewählt, Mittwoch, 5. April 2006, 10:05 Uhr

CD-Tipps
Bela Bartok, Concerto, Gustav Mahler Jugendorchester, Péter Eötvös, BMC CD 058

Bela Bartok, Concerto, World Orchestra for Peace, Sir Georg Solti, Decca 448 901-2

Links
Béla Bartók
BMC Records
Chicago Symphony Orchestra
Decca
Peter Eötvös
Gustav Mahler Jugendorchester
The Koussevitzky Music Foundations

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