Der Dichter Pier Paolo Pasolini

Bevor Pier Paolo Pasolini Regisseur wird, ist er ein Dichter. In Casarsa entstehen seine ersten Gedichte über das bäuerliche Leben in friulanischem Dialekt. Er verfasst auch mehrere Lieder, die dort zuweilen auch heute noch zu hören sind.

In der bäuerlichen, archaisch-einfachen Welt Casarsas verbringt Pasolini die Zeit zwischen 1943 und 1949, von seinem 21. bis zu seinem 27. Lebensjahr. Jahre, nach denen sich der Regisseur von Filmklassikern wie "Accatone" oder "Teorema" später häufig zurücksehnen wird. Dort beginnt er zu schreiben.

Lieder für den Männerchor

Gigion ist über 80 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er in Casarsa verbracht. "Pasolini hat hier gegenüber gewohnt, und wir trafen uns jeden Tag", erzählt er. "Eines Tages sagte er zu mir: 'Gigion! Ich höre, dass du jeden Tag in der Via Pordenone singst. Komm doch zu uns in den Chor.' Na gut, hab ich gesagt. Pasolini brachte uns friulanische Lieder bei, die er bei seinen Erkundungen in den Bergdörfern aufgeschnappt hatte."

Pasolini schreibt aber auch eigene Lieder. Wenn Gigion mit dem Männerchor des Ortes in den Dörfern der Umgebung auftritt, singt er manchmal auch jene Lieder, die Pasolini damals in Casarsa verfasst hat.

Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges

Pier Paolo Pasolini wird am 5. März 1922 in Bologna geboren. Er und sein Bruder Guido Alberto müssen fast jedes Jahr Wohnort und Schule wechseln, ehe sich die Familie 1936 für mehrere Jahre in Bologna nieder lässt. Nach dem Gymnasium studiert Pasolini in Bologna Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft. Am 1. September 1943 rückt Pasolini in Pisa zum Heer ein.

Die Erfahrungen des Krieges verarbeitet Pasolini in seinem ersten Theaterstück, einer historischen Parabel, in der er die aktuelle Situation mit der Zeit der Türkeneinfälle in Beziehung setzt.

"Die Türken in Friaul", so der Titel seines Dramas, das er in Casarsa verfasst, hat einen realen historischen Hintergrund. 1499 fielen die Türken zum letzten Mal in Friaul ein. Brandschatzend näherten sie sich dem Fluss Tagliamento. Die Bewohner von Casarsa versammelten sich und gelobten, eine Kirche zu Ehren der Madonna zu erbauen, wenn die Türken den Ort verschonten. Und so kam es. Die Türken ließen Casarsa unversehrt, während sie alle umliegenden Dörfer zerstörten.

Erste Gedichte

Die Wände von Pier Paolos Zimmer im Pasolini-Haus sind mit breiten roten und blauen Streifen bemalt. Pasolini bat seinen Freund, den Maler Federico de Rocco, sein Zimmer in den Farben des FC Bologna auszumalen. Pasolini war ein begeisterter Fußballspieler und ein großer Fan des FC Bologna. Das bringt er auch in einem Gedicht zum Ausdruck.

Und eines Nachmittags oder Abends lief ich schreiend
Auf den sonntäglichen Straßen, nach dem Fußballspiel,
zum alten Friedhof, dort hinter der Bahn,
um wieder und wieder bis aufs Blut
den süßesten Akt des Lebens zu vollziehen,
ganz allein, auf dem Erdhaufen
der zwei oder drei Gräber
italienischer oder deutscher Soldaten,
die ohne Namen auf dem Balkenkreuz
hier liegen aus dem vorigen Krieg.

Begeisterung für friulanischen Dialekt

In Casarsa entwickelt Pasolini seine literarischen Leitmotive: seine Begeisterung für den friulanischen Dialekt, seine Aufmerksamkeit für die Welt der Bauern und ihre archaischen Traditionen, die damals noch in der friulanischen Gesellschaft lebendig waren.

Im Vergleich zu seinen Filmen ist Pasolinis lyrisches Werk bis heute weitgehend unbekannt. Für den Regisseur ist es jedoch Zeit seines Lebens von großer Bedeutung. Noch kurz vor seinem Tod kümmert er sich um eine Neuauflage seiner frühen Gedichte.

Lichtglänzender Abend, im Graben
Steigt's Wasser, eine schwangere Frau
Geht durchs Feld.
Ich denke an dich, Narziss, du hattest die Farbe
Des Abends, wenn die Totenglocke tönt.


"Poesie a Casarsa", Pasolinis erster Gedichtband erscheint im Jahr 1942. Dass er die Gedichte auf Friulanisch verfasst, ist keine Selbstverständlichkeit, denn im italienischen Faschismus gelten regionale Dialekte als barbarisch.

Eligio alias Dino Peresson

Der heute 75-jährige Dino Peresson lebt in San Vito. Er ist stolz darauf, in die Literatur Pasolinis eingegangen zu sein. "Ich bin die Hauptfigur in 'Der Traum von einer Sache'", erzählt er. "Pasolini hat mich interviewt, er hat gesagt: 'Ich werde aus diesem Interview ein Buch machen.' Ich bin Eligio in 'Der Traum von einer Sache'.

In diesem Roman, geschrieben in den Jahren 1947 und 48, erzählt Pasolini, wie Eligio - alias Dino Peresson - 1947 als 18-Jähriger nach Jugoslawien geht, in der Hoffnung, dort eine bessere Zukunft zu finden.

"Ich bin als Illegaler nach Jugoslawien gegangen, weil ich dort den wirklichen Sozialismus zu finden hoffte", erzählt Peresson weiter. "Stattdessen fand ich mit meinen Kameraden nur Elend, mehr noch als in Italien."

Buch-Tipps
Pier Paolo Pasolini, "Amado Mio. Unkeusche Handlungen", aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug, Wagenbach Verlag, ISBN 3803124255

Pier Paolo Pasolini, "Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft", herausgegeben von Peter Kammerer, aus dem Italienischen übersetzt von Thomas Eisenhardt, Wagenbach Verlag, ISBN 3803123178

Otto Schweitzer, "Pier Paolo Pasolini", Rowohlt Verlag, ISBN 3499503549

Enzo Siciliano, "Pasolini. Leben und Werk", übersetzt von Christel Galliani, Beltz Verlag, ISBN 3407807600