In den Tag mit einem Gedicht

Jeden Sonntagmorgen, seit über 60 Jahren, werden früh aufstehende Radiohörer mit "Du holde Kunst" in lyrische Stimmung versetzt. Der Titel ist nach einem Schubert-Lied auf einen Text von Franz von Schober gewählt, ist das Motto dieser Sendung.

Wovon unsere Seele sich nährt, das ist das Gedicht, in welchem, wie im Sommerabendwind, der über die frisch gemähten Wiesen streicht, zugleich ein Hauch von Tod und Leben zu uns herschwebt, eine Ahnung des Blühens, ein Schauder des Verwesens, ein Jetzt, ein Hier und zugleich ein Jenseits, ein ungeheueres Jenseits. Jedes vollkommene Gedicht ist Ahnung und Gegenwart, Sehnsucht und Erfüllung zugleich.

Jeden Sonntagmorgen, seit 60 Jahren, werden früh aufstehende Radiohörer in diese Stimmung, die Hofmannsthal in einem erfundenen Gespräch über Gedichte formulierte, hineinversetzt.

Das Schöne und Harmonische

Wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschlossen der aus der Emigration zurückgekehrte Schriftsteller und damalige Leiter der Abteilung für literarisches Wort beim amerikanischen Besatzungssender Rot-Weiß-Rot Ernst Schönwiese und der Salzburger Goldschmied Eligius Scheibel, mit Literatur - in diesem Fall Poesie - und entsprechender Musik wieder "das Schöne und Harmonische" ins Gedächtnis der schwer geprüften Menschen zu rufen.

Eligius Scheibel, der neben seinem Wiener Studium der Goldschmiedekunst extern das Reinhardt-Seminar besucht hatte, besaß eine umfangreiche Bibliothek und Schallplattensammlung. Das war ein willkommener Fundus für ein im Aufbau begriffenes Studio. Martha Marbo und Helmut Janatsch, beide Schauspieler, durch die Kriegswirren nach Salzburg verschlagen, lasen dann am Sonntag, dem 11. Oktober 1945 um 9:00 Uhr früh Gedichte von Goethe und Schiller zu Musik von Mozart, Haydn und Beethoven. Natürlich live, denn Tonaufzeichnungen kannte man damals im Salzburger Studio noch nicht.

Pathetische Worte zum Start

Eingeleitet wurde diese erste Sendung mit den folgenden uns heute pathetisch anmutenden Sätzen: "Diese Sendung wird die schönsten und edelsten Worte der Dichtkunst und des Musikschatzes aller Nationen bringen. Es ist eine ganz bestimmte Absicht, die wir bei dieser Sendung verfolgen. Wir wollen, um ein altes Bild zu gebrauchen, auch aus unseren Herzen den Schutt des Krieges wegräumen. Wenn auch die Sorgen nicht von uns gewichen sind, so sehen wir doch eine hellere und freiere Zukunft vor uns und können uns darauf besinnen, dass es jenseits des Alltages mit seinen Nöten eine lichtere und schönere Welt gibt. In jedem von uns lebt die Sehnsucht nach dieser anderen Welt. Diese Saite zum Schwingen zu bringen, hat noch zu allen Zeiten die Kunst vermocht. Sie alle, die uns hören, wenigstens für einige Stunden in diese schönere und holdere Welt hinzuführen, ist der Sinn unserer neuen Sendereihe 'Du holde Kunst'."

Quer durch die Jahrhunderte

Mit der Reformierung des Österreichischen Rundfunks übernahm Ernst Schönwiese das Literaturressort des ORF in Wien. Der Zufall wollte es, dass zu jener Zeit ein viel beachtetes Treffen des deutschen und des österreichischen Außenministers mit dem Bestreben, die beiderseitigen Beziehungen zu intensivieren, stattfand - ein Treffen, das auch für die Reihe "Du holde Kunst" Folgen hatte: Es entstanden zwei Redaktionen, die eine an der Salzach, die andere an der Donau. Ich übernahm die Programmierung der Sendereihe für Salzburg.

Während mein Interesse in erster Linie der tradierten Literatur galt, berücksichtigten meine Wiener Kollegen auch zeitgenössische Autoren und die entsprechende Musik. Die Themenstellungen blieb auf die Grundstimmung des menschlichen Daseins gerichtet. Liebe, Freude, Trauer, Abschied und Tod bestimmen den Inhalt ebenso wie die Jahreszeiten.

Ein guter Start in den Sonntag

Was nun die Schauspieler betrifft, so waren und sind es die berühmten Stimmen, die in dieser Sendereihe vertreten sind - von Marianne Hoppe bis Elisabeth Orth, von Ewald Balser bis Otto Sander. Die Schauspieler kommen gern für die Sendereihe "Du holde Kunst", weil sie hier - und bisweilen nur noch hier - den Rahmen finden, um Gedichte vorzutragen.

Michael Heltau, seit vielen Jahren beliebter Protagonist der Sendung, suchte einmal eine Begründung für die Beliebtheit dieser ältesten Sendung des ORF: "Weil es ein Programm ist, das konzentriert. Es ist ein guter Start in den Tag. Jemand, der zuhört, glaubt, er ist ein besserer Mensch und es wird ein guter Tag. Es ist der Gottesdienst der Kunst!"

Hör-Tipp
Du holde Kunst, Sonntag, 30. April 2006, 8:15 Uhr