Die Atombombe und die Verantwortung des Wissens

Am 6. August 1945 wurde über Hiroshima die erste Atombombe abgeworfen. Wusste, der im Jahre 1938 verschwundene Physiker, Ettore Majorana schon sieben Jahre zuvor von der Möglichkeit, Atomkerne spalten zu können?

Am 6. August 1945 wurde über Hiroshima die erste Atombombe abgeworfen. 130.000 Menschen waren sofort tot. Ungefähr dieselbe Anzahl starb in den darauf folgenden sechs Monaten an Verbrennungen und Strahlenschäden.

Am 9. August erfolgte ein weiterer Abwurf auf Nagasaki. Auch dieser Angriff forderte zahlreiche Menschenleben. Die Anzahl der Langzeitopfer ist bis heute nicht abschätzbar. Noch immer werden Kinder mit Missbildungen geboren.

Was wusste Ettore Majorana?

Der geniale Physiker Ettore Majorana verschwand am 26. März 1938, mehr als sieben Jahre bevor 1945 die ersten Atombomben abgeworfen wurden. Wusste er von der Möglichkeit, Atomkerne spalten und dadurch große Energiemengen freisetzen zu können? Ahnte er die gefährlichen Auswirkungen, die die moderne Physik haben wird? War diese Last, die der scheue und zurückhaltende sizilianische Wissenschafter, tragen sollte, zu groß für ihn, sodass er sich aus der Welt zurückzog?

Der sizilianische Autor Leonardo Sciascia machte 1975 den Fall Ettore Majorana außerhalb der physikalischen Welt bekannt. In einer Zeit, in der heftig über die zivile Nutzung der Atomkraft diskutiert wurde und die nukleare Aufrüstung zu weltweiten politischen Protesten führte, wollte er das grundlegende ethische Problem an einem Wissenschaftler zeigen, der die Verantwortung des Wissenden ernst nahm.

Wann war die erste Kernspaltung?

Konnte Ettore Majorana bereits die Kernspaltung kennen? Die Wissenschaftsgeschichte scheint dem zu widersprechen. Im Dezember 1938 konnten Otto Hahn und Fritz Strassmann die erste Kernspaltung durchführen.

Lise Meitner konnte beweisen, dass bei dieser Kernspaltung, wie sie den Vorgang nannte, eine gigantische Energie freigesetzt wurde. All das sollte Ettore Majorana bereits geahnt haben?

War jedoch tatsächlich erst im Dezember 1938 die erste Kernspaltung durchgeführt worden, wie die Wissenschaftsgeschichte behauptet? Die Antwort ist nicht einfach zu geben. Es war das erste Spaltungs-Experiment, für das der Begriff Kernspaltung eingeführt wurde.

Vier Jahre zuvor wurden allerdings bereits im Physikalischen Institut der Universität Rom in der Via Panisperna Atomkerne gespalten, ohne dass die Physiker davon wussten. Ausgenommen möglicherweise Ettore Majorana, wie vermutet und diskutiert wird.

Der Mensch bedroht sich selbst

Die Bedrohung des Menschen entstehe durch seine Apokalypse-Blindheit, behauptete der Philosoph Günther Anders: Zwischen dem, was der Mensch herstellen könne und dem, was wir uns vorstellen könnten, existiert eine unüberwindbare Kluft. Die Menschen sind nicht weiter als emotionale Analphabeten, imaginative Legastheniker und moralische Idioten.

Ethik in der Wissenschaft

Ettore Majorana war Physiker in einer Zeit, in der sich die gefährlichen Möglichkeiten der Leitwissenschaft des 20. Jahrhunderts, wie die Physik genannt wurde, abzuzeichnen begannen. Sie ist im 21. Jahrhundert von der Biologie als Leitwissenschaft abgelöst worden.

Die ethischen Fragen haben sich grundsätzlich nicht verändert, die Brandherde liegen - Beispiel Klonen - in der Biologie und der Informationstechnologie mit ihren Möglichkeiten, die Menschen auf Schritt und Tritt zu überwachen und zu beeinflussen.

Steigt mit dem immer größeren Wissen um die Zusammenhänge des Lebens auch die Sensibilität für Moral und ethisches Handeln? Lässt sich eine Überwindung der Diskrepanz von Wissenschaft und Ethik erwarten?

Die Frage lässt sich beantworten, so wie es für den "Fall Majorana" keine endgültige Antwort gibt.

Mehr zum Fall Majorana in oe1.ORF.at
Der Mythos Ettore Majorana
Das Leben und Verschwinden des Ettore Majorana
Die Wissenschaft des Ettore Majorana

Hör-Tipp
Dimensionen, Donnerstag, 3. August 2006, 19:05 Uhr

Download-Tipp
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Buch-Tipp
Leonardo Sciascia, "Das Verschwinden des Ettore Majorana", Wagenbach, ISBN 3803112184.

Film-Tipp
Das Verschwinden des Ettore Majorana
Dokumentation, BRD, 1986
Drehbuch und Regie: Donatello Dubini und Fosco Dubini