Das Leben und Verschwinden des Ettore Majorana

Am 25. März 1938 bestieg der Physiker Ettore Majorana das Postschiff von Palermo nach Neapel, um dort am physikalischen Institut seine Vorlesung zu halten. Seit diesem Tag gilt das Genie, das die erste Kernspaltung durchgeführt hat, als verschollen.

Neapel, 25. März 1938. Am Korridor vor einem kleinen Hörsaal des Physikalischen Institutes der Universität Neapel übergibt der junge sizilianische Physiker Ettore Majorana nach einer Vorlesung einer jungen Stundentin eine verschlossene Mappe mit der Bitte, diese Papiere aufzubewahren: "Wir werden sprechen später darüber sprechen", sind seine Worte, an die sich die heute 90 Jahre alte Pysikerin Gilda Senatore noch erinnert. Die Vorlesung sollte am nächsten Tag fortgesetzt werden. Die Studenten werden vergeblich warten: Ettore kam nicht wieder. Er blieb trotz intensiver Nachforschungen verschollen, bis zum heutigen Tag.

Das Verschwinden

Am Abend dieses 25. März bestieg der Ausnahmephysiker Ettore Majorana - Enrico Fermi wird ihn in eine Reihe mit Galilei und Newton stellen - ein Postschiff von Neapel nach Palermo. Mit welcher Absicht? An den Leiter des physikalischen Institutes in Neapel schickt er noch einen Brief ab, in dem er schrieb: "Ich habe einen Entschluss gefasst, der nunmehr unvermeidlich war."

Im Hotel in Neapel, in dem Ettore Majorana wohnt, liegt ein an die Familie gerichteter Brief: "Ich habe nur einen Wunsch: dass ihr euch nicht in Schwarz kleidet." Hinweise auf einen baldigen Tod?

Am nächsten Tag folgen ein Telegramm und ein weiterer Brief an den Institutsleiter aus Palermo: "Das Meer hat mich abgewiesen... Ich habe jedoch die Absicht, auf den Unterricht zu verzichteten."

Das Rätsel

Hatte der junge Physiker beschlossen gehabt, sich zwischen Neapel und Palermo ins Meer zu stürzen? Was geschah in Palermo? Besteigt er tatsächlich am Abend des 26. März erneut ein Schiff, um nach Neapel zurückzukehren, wie er seinem Direktor ankündigt?

Täuscht er seine Rückkehr vor und zieht sich in ein Kloster in der Nähe von Catania zurück, wie seine Schülerin Senatore überzeugt ist? Verliert sich seine Spur in Klöstern Neapels oder Portici? Ein Mensch, der Ettore Majorana hätte sein können, soll an die Klosterpforten in diesen Städten geklopft haben.

Opfer einer Entführung?

Hat er in einem fremden Land, möglicherweise in Argentinien eine neue Existenz gesucht? Ein chilenischer Physiker berichtete von einem Gespräch mit einer Frau, das er 1950 in Buenos Aires führte, in dem sie ihm von der Anwesenheit eines italienischen Emigranten, der Ettore Majorana hieß und Physiker war, in der argentinischen Metropole.

Bei einem zweiten Besuch drei Jahre später war die Frau nicht mehr zu finden. War sie Opfer der peronistischen Geheimpolizei geworden? War Ettore Majorana seinerseits Opfer einer politisch motivierten Entführung, die mit seiner wissenschaftlichen Arbeit zu tun hatte?

Seit dem 26. März 1938 spricht man in Italien vom "Fall Majorana". Die Polizei-Akten wurden bald geschlossen, das Rätsel besteht bis heute.

Das Leben

Ettore Majorana wurde am 5. August 1906 in Catania geboren, er studierte in Rom einer Familientradition folgend Ingenieurswissenschaften, wechselte zur Physik und promovierte als 23-Jähriger unter Enrico Fermi in theoretischer Physik. Der spätere Nobelpreisträger hatte in Rom ein modernes physikalisches Institut aufgebaut, das sich der Kernforschung widmete. Er versammelte eine Forschergruppe um sich, die 1934, ohne es zu ahnen, die erste Kernspaltung durchführt.

Ettore Majorana publizierte nur neun wissenschaftliche Beiträge, visionäre Arbeiten von höchster mathematischer Qualität, die nur wenige Physiker der damaligen Zeit verstanden. Er formulierte eine Theorie über Kernkräfte und Neutrinos. 1933 verbrachte Majorana als Stipendiat einige Monate in Deutschland und Dänemark, lernte in Leipzig den Vater der Quantenmechanik Werner Heisenberg kennen, eine Begegnung, die großen Eindruck auf ihn machte.

Der Abschied

1934 zieht sich Ettore Majorana aus dem römischen Institut zurück. Er publiziert zunächst nichts mehr. Im Jänner 1938 beginnt er an der Universität Neapel eine Vorlesungsreihe, in der er als einer der ersten in Italien seine Schüler mit Relativitätstheorie und Quantenphysik vertraut machen will.

Eine tief sitzende Angst scheint an ihm zu nagen. Sind die Zeitläufe, die politischen Entwicklungen der Grund dafür? Wirft der Krieg bereits seine Schatten voraus? Hatte der zurückhaltende, scheue, verschlossene und eigenbrötlerische Wissenschaftler bereits die Vernichtungskraft der Atombombe im Kopf? War das der eigentliche Grund für die Tragödie vom März 1938?

Das war die Kernthese des sizilianischen Schriftstellers Leonardo Sciascia in seinem 1975 erschienenen Buch "Das Verschwinden des Ettore Majorana", die bis heute leidenschaftlich und polemisch diskutiert wird.

Service

Mehr zum Fall Majorana in oe1.ORF.at
Die Atombombe und die Verantwortung des Wissens
Der Mythos Ettore Majorana
Die Wissenschaft des Ettore Majorana

Hör-Tipp
Dimensionen, Montag, 31. Juli 2006, 19:05 Uhr

Buch-Tipp
Leonardo Sciascia, "Das Verschwinden des Ettore Majorana", Wagenbach, ISBN 3803112184.

Film-Tipp
Das Verschwinden des Ettore Majorana
Dokumentation, BRD, 1986
Drehbuch und Regie: Donatello Dubini und Fosco Dubini