Pioniere und Entdecker

Reisende im Ojibwe Country

Im Herzen Nordamerikas, dort, wo die kanadisch-US-amerikanische Grenze einen Schlenker nach Norden macht, liegt das Land der Ojibwe, die sich selbst Anishinabe, "die ersten Menschen", nennen. Ein reiches Land, reich nicht nur an Geschichten und Geheimnissen.

Seit den Jahren der "Entdeckung" haben sich immer wieder Abenteurer und Glücksritter aufgemacht, um das wilde "Hinterland" zu erkunden, nutzbar zu machen, und einen Weg zum Pazifik zu finden. Einer der ersten war Henry Kelsey. 14 Jahre war er bei Anritt seiner ersten Reise, mit 20 nahm er den Auftrag der Hudson Bay Company an, ein Netz von Handelsverbindungen mit den Ureinwohnern zu knüpfen. Als er nach zwei Jahren seinen offiziellen Bericht ablieferte, wurde er gefeuert: Für Indianerfreunde wäre bei der Company kein Platz.

"Riesenhafte Rothäute"

Der erste dokumentierte Kontakt mit den Ojibwe des Lake of the Woods fand 1688 statt: Ein kaum 20- jähriger Waldläufer namens Jacques de Noyon wurde von einer Gruppe riesenhafter "Rothäute" davon abgehalten, deren Gärten zu plündern. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten mochte man sich, und de Noyon zog mit einem Haufen Notizen über das "Katzenvolk" ab.

In jenen Jahren gab es übrigens eine nicht unbeträchtliche Zahl "Reisender", die mit fiktiven Karten gutes Geld verdienten. Sogar ernsthafte Forscher gingen solchen Fälschungen auf den Leim: Der Jesuitenpater Pierre de Charlevoix bediente sich zuhause in Quebec sämtlichen Materials, dessen er habhaft wurde, und ortete weiter im Westen einen riesigen See, an dessen Ufern den Europäern ähnliche Menschen in sagenhaftem Luxus lebten.

Neugierige unterwegs

Im 19. Jahrhundert waren die wirklich Neugierigen unterwegs. Der bremische Weinhändlersohn Johann Georg Kohl etwa, ein vom Reisen Besessener: Mit 14 schrieb er seinen ersten Bericht über eine Harzreise, bis 1854 hatte er Europa so gut wie durch, dann zog es ihn über den Atlantik. Zwei für ihn ungewöhnlich lange Jahre blieb er bei den Ojibwe am Rainy Lake, dann reiste er weiter.

Weniger sesshaft war der zwölf Jahre ältere Maler George Catlin. Ihn trieb es acht Jahre lang kreuz und quer durch Nordamerika. Das Resultat: eine Unzahl von Bildern und ein ausführlicher Bericht über Sitten und Gebräuche von 48 Stämmen, der u. a. auch Karl May als Quelle gedient hat.

Atisokan, der Geschichtenerzähler

Schließlich kamen die Fotografen: Edward S. Curtis knipste mehr als 30 Jahre lang unsere indianischen Geschwister, mehr als 40.000 Fotos sind noch erhalten.

Ernest Carl Oberholtzer, ein schwächlicher junger Mann aus gutem Haus, wollte einen Sommer lang die kanadischen Seen im Kanu erpaddeln, obwohl alle meinten, er würde diese Strapazen nicht überstehen. Tatsächlich schloss er Freundschaft mit den Ojibwe, die ihn Atisokan, Geschichtenerzähler, tauften. Nach einem sehr ereignisreichen Leben - er wurde 93 Jahre alt und verbrachte seine glücklichste Zeit auf der Insel Mallard im Rainy Lake - vermachte er alles seinen Ojibwe, vor allem seine riesige Bibliothek.

Bibliothek für Lesesüchtige

Diese "Bücherinsel" war eines der Ziele, die Louise Erdrich - die sich selbst als "büchersüchtig" bezeichnet - auf ihrer Reise durchs Ojibwe-Land ansteuerte, der moderne Pol der Ojibwe-Geschichten. Der andere Pol waren die Felsbilder, die Geschichten aus der Geschichte des Landes und seiner Bewohner erzählen. Und irgendwo dazwischen entdeckte sie ganz zufällig die Bibliothek, die der indianische Schriftsteller Al Hunter für die lesesüchtigen Ojibwe aufbaut.

Die Beziehung zu Büchern hat Louise Erdrich seit dieser Reise im Jahr 2002 intensiviert - falls das überhaupt möglich ist: Sie betreibt einen Buchladen in der Nähe von Minneapolis, Minnesota. Zehn Mitarbeiter (und neun Hunde!) lassen ihr genügend Zeit, weiter ihre Geschichten zu schreiben, die immer wieder ausgezeichnet werden. Ihr 2008 in New York erschienener Roman "The Plague of Doves", auf deutsch "Solange du lebst" zum Beispiel hat es 2009 bis in die Endauswahl des Pulitzer-Preises geschafft und wurde noch im selben Jahr mit dem Anisfield-Wolf Book Award ausgezeichnet. Dieser Preis wird seit 1936 an Autoren verliehen, die sich besonders um die Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturen verdient gemacht haben.

Service

Louise Erdrich, "Von Büchern und Inseln", Verlag Frederking & Thaler

Louise Erdrich, "Solange du lebst", Suhrkamp

Wikipedia - Louise Erdrich
Ernest Carl Oberholtzer