"Habe nicht den erhofften Rückhalt erhalten"

Hans Gratzer verlässt Josefstadt mit Saisonende

Direktor Hans Gratzer verlässt mit Ende August das Theater in der Josefstadt. Gratzer, erst seit September letzten Jahres als Direktor des Theater in der Josefstadt im Amt, geriet wegen des finanziellen und künstlerischen Einbruchs unter Druck.

Direktor Hans Gratzer verlässt mit Ende August das Theater in der Josefstadt. Gratzer lege ab sofort die Geschäftsführung nieder, mit Ende der Saison auch die künstlerische Leitung, hieß es in einer Aussendung des Theaters.

Die künstlerische Leitung wird mit nächster Saison wieder Gratzers Vorgänger Helmuth Lohner übernehmen. "Ich habe nicht den erhofften und aus meiner Sicht unerlässlichen Rückhalt erhalten", sagte Gratzer laut Aussendung. Er habe sich verpflichtet, dem Haus in den kommenden zwei Saisonen für zumindest drei Regiearbeiten zur Verfügung zu stehen.

Details werden noch verhandelt

Die Details dieser Dienstag im Rahmen einer Aufsichtsratsitzung und einer Gesellschafterversammlung ausgearbeiteten "grundsätzlichen Vereinbarung" werden in den nächsten Tagen festgelegt, hieß es aus der Josefstadt.

Anstoß für die Personaldebatte war, dass Gratzer ab 2006 auch Intendant der Bad Hersfelder Festspiele in Deutschland werden soll. Der Magistrat der Kreisstadt Bad Hersfeld habe Gratzer für die Spielzeiten 2006 bis 2008 unter Vertrag genommen, teilten die Bad Hersfelder Festspiele gestern, Dienstag, in einer Aussendung mit. Sein Vertrag in der Josefstadt wäre ebenfalls bis 2008 gelaufen.

Gratzer: "Geordnete Übergabe"

Hans Gratzer zeigte sich "sehr glücklich, dass eine Lösung gefunden wurde, die der Josefstadt eine geordnete Übergabe sichert und gleichzeitig die von mir angestrebten Synergien mit den Festspielen Bad Hersfeld ermöglicht."

Von seinem Publikum hatte sich der im Juni 2003 scheidende Direktor des Theaters in der Josefstadt, Helmuth Lohner (70), mit der Vorstellung von "Das verflixte siebte Jahr" in den Kammerspielen verabschiedet. Es war die 4.951ste und letzte Aufführung seiner Direktionszeit. Jetzt feiert er ein Comeback.

Pflichtversäumnisse vorgeworfen

In der Aufsichtsratssitzung vom Dienstag wurden Gratzer Pflichtversäumnisse vorgeworfen. Sein ohne Wissen der Eigentümer geschlossener Intendantenvertrag mit den Festspielen Bad Hersfeld sei ausschlaggebend gewesen, berichtet "News".

Aufsichtsratspräsident Josef Fröhlich zur Info-Illustrierten: "Gratzer hat uns als letzten Punkt unter 'Allfälliges' mitgeteilt, dass er in Bad Hersfeld unterschrieben hat. Außerdem konnten wir den Bericht der Geschäftsführung für die nächste Saison weder im künstlerischen noch im geschäftlichen zur Kenntnis nehmen. Es war alles viel zu vage." Gratzer bekomme keine Abfertigung, werde aber drei Inszenierungen am Haus betreuen, u. a. in der nächsten Saison Brechts "Dreigroschenoper".

Morak und Mailath-Pokorny "bedauern"

Die beiden Subventionsgeber Bund und Stadt Wien haben den Rückzug von Hans Gratzer als Geschäftsführer des Theaters in der Josefstadt mit Bedauern zur Kenntnis genommen, hieß es in einer Aussendung.

Staatssekretär Franz Morak und Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny "anerkennen und begrüßen namens der Theatererhalter die Bereitschaft Helmuth Lohners, interimistisch die künstlerische Leitung des Theaters ab Herbst 2004 zu übernehmen". In den nächsten Wochen sollen Gespräche zwischen Subventionsgebern und Theater über die mittel- und langfristige Zukunft geführt werden.

Grüne kritisieren Ausschreibungs-Politik

"Der Rücktritt von Hans Gratzer war ein vorhersehbares Ergebnis einer schlecht vorbereiteten und unprofessionellen Ausschreibung", kritisiert Marie Ringler, Kultursprecherin der Wiener Grünen.

Die "intransparente und mauschlerische" Ausschreibungspolitik von Mailath-Pokorny und Morak "hat damit ihre Rechnung präsentiert bekommen." Die Ausgangslage und Akzeptanz für Hans Gratzer sei durch die chaotische Ausschreibung denkbar schlecht gewesen: "So konnte Gratzer seine Intendanz gar nicht zu einem Erfolg führen", so Ringler.

Start mit Hypothek und Misserfolgen

Die unerfreulichen Vorgänge rund um die Bestellung der neuen Direktion des Theaters in der Josefstadt sind noch in guter Erinnerung. Die Ausbootungen von Karlheinz Hackl und danach von Hermann Beil zählen zu jenen Dramen, die sonst dem Bühnengeschehen vorbehalten bleiben.

Mit dieser Hypothek ist Hans Gratzer als Direktor des Theaters in der Josefstadt gestartet, und die ersten Premieren gerieten unter heftigsten Beschuss der Kritik.

Kritiker-Lob für "Alpenkönig"

Erst "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" konnte die Trendwende in der Kritikermeinung herbeirufen, die Kritik an den geringen Auslastungszahlen wollte jedoch nicht verstummen.

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Hans Gratzer wurde am 16. Oktober 1941 in Wiener Neustadt geboren. Schon nach drei Semestern brach er die Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar ab und gründete 1963 "Das Kammertheater in der Piaristengasse", wo er mit "Das Spiel von Liebe und Zufall" von Marivaux seinen Einstand als Regisseur gab.

Danach arbeitete zunächst vor allem als Schauspieler in Hamburg und München, der Josefstadt, dem Volks- und dem Burgtheater, ehe er 1973 die "Werkstatt" im Theater am Kärntnertor gründete und dort mit seinen Inszenierungen Aufsehen erregte. Die "Werkstatt" wurde mit Aufsehen erregenden Inszenierungen (u.a. "Elisabeth I."), die ihm sowohl den Förderungspreis zur Kainzmedaille als auch die Kainzmedaille selbst eintrugen, ein Markenzeichen.

Gründer des Wiener Schauspielhauses

Nach der Schließung des Kärntnertortheaters gründete er 1977 das Schauspielhaus, das 1978 eröffnet und bis 1986 von ihm geleitet wurde. Die Arbeit des Regisseurs Hans Gratzer mit zeitgenössischen Autoren - das ist ein ebenso langes wie wichtiges Kapitel der Wiener Theatergeschichte wie seine Leitungstätigkeit am Wiener Schauspielhaus.

Mit pointierten Klassikerinszenierungen, Gegenwartsdramatik und später auch Musical-Produktionen (wie "Rocky Horror Picture Show") wurde das Schauspielhaus eine allererste Theater-Adresse, die weit über Wien hinaus wirkte. Nach einem Intermezzo als freier Regisseur in Zürich, München, Berlin und Frankfurt - während George Tabori das Schauspielhaus als "Der Kreis" führte - kehrte Gratzer 1991 bis 2001 für eine zweite Direktionszeit zurück.

Große Erfolge mit Gegenwartstheater

Mit einem ausschließlich an Ur- und Erstaufführungen orientierten Konzept wollte er die Bühne als erstrangiges deutschsprachiges Gegenwartstheater positionieren. Zu seinen größten Erfolgen zählt die Entdeckung des Dramatikers Werner Schwab, viele Produktionen (rund ein Drittel von ihnen wurde von Gratzer selbst inszeniert) wie etwa "Angels in America" sorgten für Gesprächsstoff und Kritiker-Aufmerksamkeit, mangelnder Publikums-Zuspruch führte jedoch zur allmählichen Hinterfragung des Konzeptes und schließlich zu einer Abschieds-Saison mit Musiktheater-Produktionen im Theaterraum und dem "Autoren-Schaufenster" im kleinen Gassenlokal.

Im September 2003 übernahm Gratzer die Direktion im Theater in der Josefstadt, die er mit Ende August 2004 wieder abgibt.

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