Return to Sender

Als Auftakt zu einem Jahr, in dem wir 80 Jahre österreichisches Radio feiern, setzen sich Günther Schifter, Louise Martini, André Heller und Gerhard Bronner noch einmal im Ö1 Studio ans Mikrofon und zeigen, dass sie das Radiomachen nicht verlernt haben.

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen, vor allem aber mit speziellen Angeboten für unsere Hörerinnen und Hörer. Als Auftakt zu einem Jahr, in dem wir 80 Jahre österreichisches Radio feiern, gibt es eine Spielräume-Spezial-Serie der besonderen Art. Louise Martini, Gerhard Bronner, Günther Schifter und André Heller setzen sich - wie in alten Zeiten - wieder in ein Studio, um zu beweisen, dass sie das Radiomachen nicht verlernt haben. Ein Pflichttermin für all jene, die diese Radiolegenden schätzen und lieben gelernt haben.

Martini-Cocktail gefällig?

Es war Sonntag, 12:00 Uhr mittags. Ich hatte kein Rendezvous mit Gary Cooper, sondern mit einer Dame. Lange bevor ich Alkoholisches zu mir nehmen durfte und alt genug für Flirts war, hatte ich auf Ö3 meine fixe Verabredung mit Louise Martini ("Mittags-Martini" und später, nicht mehr mittags, "Martini-Cocktail"). Sonst musste es klassische Musik für mich sein, schon aus Protest gegen meine Mutter, die nur Ö3 hörte, obwohl sie doch früher Opernsängerin war. Auf Eltern konnte man sich in den 70er Jahren auch nicht mehr verlassen. Aber Louise Martinis Musikauswahl und Moderation fanden Gnade vor meinen strengen, jungen Ohren. Was heißt: Ich hing an ihren Lippen!

Als Louise - mit einem O! - Martini ein Teenager war, brachten die amerikanischen Besatzer "Nylons, Swing und Chesterfield" nach Wien und installierten zwei Rundfunksender: Blue Danube Network und den deutschsprachigen Sender Rot-Weiß-Rot. Der klang viel zeitgemäßer als die altbackene RAVAG in der Argentinierstraße, in der schon die knapp siebzehnjährige Martini in einer englischsprachigen Schulfunk-Sendung als Mutter des "hässlichen Entleins" ihr Radiodebüt feierte. Auch das Wunschkonzert "Ein Gruß an Dich" präsentierte sie dort manchmal, um Geld zu verdienen. Und viel später dann: "Autofahrer unterwegs."

Das Handwerk des Radiomachens lernte die Martini aber bei Rot-Weiß-Rot, und sie schwärmt noch heute vom kollegialen, kreativen Arbeitsklima in den vier Studios in der Seidengasse. Zum Radio-Urgestein wurde sie schließlich durch ihre gezählten 606 wöchentlichen Ö3-Sendungen "Mittags-Martini" und "Martini Cocktail". Übrigens war sie die Erste, die Astor Piazzolla bei uns im Radio gespielt hat!

Elitäre Schlager für Fortgeschrittene

Der zweite Fixtermin damals war Freitagabend, 22:00 Uhr. Da legte ich mein Kofferradio, das ich bereits als Dreijährige geerbt hatte, neben mein Ohr auf's Kopfpolster, machte das Licht aus, und schon begannen die Swingle Singers: ba badada, da da, da da, da da, dadada da da, da da mit der Bachschen Kennmelodie, zu Deutsch: Signation zu Gerhards Bronners didaktischer Musikrevue "Schlager für Fortgeschrittene". Noch heute kann ich mich an einzelne Sendungen erinnern, weiß, was und wen er für gut befand, nur was er nicht mochte, habe ich vergessen. Es gab noch eine zweite Möglichkeit, Bronner zu hören und belehrt zu werden: Viele Jahre arbeitete er für die sonntägliche Ö1 Kabarett-Sendung "Der Guglhupf".

Für das österreichische Kabarett, das er nach dem Krieg mitbegründet hat, schrieb Gerhard Bronner zahlreiche Programme und Klassiker, Lieder wie "Der G'schupfte Ferdl", "Der Papa wird's schon richten", "Der Bundesbahn Blues" und "Der Wilde auf seiner Maschin". Sie gehören zur österreichischen Grundausstattung wie die Travnicek-Dialoge mit Helmut Qualtinger (Texte: Carl Merz/Qualtinger).

Ob als Autor, Musiker, Moderator oder Interpret - der Meister des Entertainments wollte stets anspruchsvoll unterhalten, und Bescheidenheit ist keine Bronner-Erfindung. Deshalb dachte er auch nicht im Traum daran, es seinem Radio-Publikum zu leicht zu machen. Seine Sendung konnte daher nur elitär "Schlager für Fortgeschrittene" heißen.

Howdy, Mister Schellack!

Und wer, so er alt genug ist und damals Ö3-Hörer, hat nicht noch Günther Schifter und seine "Schellacks und Schellacks und Schellacks…" im Ohr? "Music Hall" hieß seine Sendung, und sie hatte ihren eigenen, unnachahmlichen Stil. Erst viel später lernte ich die zeitgeschichtlichen Informationen mit den vielen Jahreszahlen schätzen: "Ein Kilo Brot kostete damals 20 Groschen … Admira gewann 4:0 - und Harry Roy spielte das da… ha, ha, ha!" Und schon ist wieder die vertraute Reibeisenstimme da, in der die Jukebox swingt und das Flair von verrauchten Jazz-Bars und GIs im Jeep.

Im Jänner 1949 engagierte die Sendergruppe "Rot-Weiß-Rot" den Welthandelsstudenten, der schon als Gymnasiast seine heute rekordverdächtige Schellack-Sammlung begonnen hat und nach dem Krieg im Wiener-Kosmos-Kino bereits Vorträge über Jazz hielt. Damit war Günther Schifter Österreichs erster Diskjockey. Seine Sendungen trugen Titel wie "Der alte Plattenmann", "Klingende Kleinigkeiten", "Sandmann Serenade" oder "Swing und Sweet".

Später war er im Fernsehen für Wissenschafts- und Politikprogramme verantwortlich, präsentierte aber auch immer wieder Jazz-Sendungen im neuen Medium wie die "Perry-Como-Show", die "Nat-King-Cole-Show", "Jazz in Europa", Jazz-Workshops und Live-Übertragungen von Konzerten. 1967 kehrte er zum Radio zurück, zum in diesem Jahr gegründeten Pop-Sender Ö3, dem ersten seiner Art im deutschsprachigen Raum.

LPs oder gar CDs lässt Günther Schifter links liegen. Wer weit über 20.000 Schellacks besitzt und laut Fama in über 30 Jahren beim Rundfunk nicht einmal dieselbe Aufnahme zweimal gespielt hat, an dem ging die Vinyl-Ära ebenso spurlos vorüber wie jetzt die angeblich kompakten silbernen Scheiben. Für seinen "Return to Sender"-Auftritt feiern auch kurzfristig die Plattenspieler im Ö1 Studio ein Comeback. Unsere Technik mottet schon eifrig die High-End-78er-Abspielgeräte aus. Mr. Schellack feierte dieser Tage übrigens seinen 80. Geburtstag.

Der scharfzüngige Zitronenverteiler

1967 startete auch André Heller's beispiellose Karriere als internationaler Künstler und Produzent multimedialer Events als Diskjockey bei Ö3. Heller machte durch seine scharfzüngigen Kommentare in der Sendung "Musicbox" auf sich aufmerksam, als er Zitronen an ihm widerwärtige Personen verteilte und Orangen an jene, denen er gewogen war. In den ersten Tagen seiner Zeit als "Enfant terrible" des Radios erhielt Heller mehr als 20.000 Fanbriefe … Doch der Bürgerschreck war keine Inszenierung fürs Radiopublikum. Heller benahm sich auch "off air" wie auf Sendung. So erinnert sich Ö1 Chef Alfred Treiber an ein von der Plattenfirma penetrant beantragtes Interview, das Heller mit einer englischen Band führen sollte. Er bat sie höflich ins Studio, fragte "How do you do?", artig antworteten die Jungs: "Fine, great!" - Heller, ebenso artig: "Thank you!" - und das war's.

Bei Ö3 reifte in André Heller die Überzeugung, dass er nicht die Interviews führen, sondern sie geben sollte. Er fühlte sich zum Künstler geboren, Poet stand dann in seinem Pass. Bald darauf erschien seine erste Platte, der Rest ist Geschichte.

Im November 2003 meldete sich André Heller mit seinem 3-CD-Album "Ruf und Echo" auch als Liedermacher zurück. Mit den Liedern André Hellers wurde ich zwar nicht erwachsen, aber volljährig, und viele kann ich noch heute auswendig.

Links
Louise Martini - Biografie
Günther Schifter - Biografie
Gerhard Bronner - Biografie
André Heller - Homepage