Wien gibt sich ein "Leitbild zur Theaterreform"

In Wien wurde ein "Leitbild zur Wiener Theaterreform" parlamentarisch abgesegnet . Die Förderung der Wiener Theaterszene soll neu strukturiert werden. Alle vier Rathaus-Fraktionen loben in ungewohnter Einigkeit den Entwurf.

Der Wiener Gemeinderat hat am Freitag mit den Stimmen aller im Gemeinderat vertretenen Parteien ein "Leitbild zur Wiener Theaterreform" beschlossen. Dieses Leitbild, das von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny initiiert und gemeinsam mit den Kultursprechern von SPÖ, FPÖ, ÖVP und Grünen ausgearbeitet wurde, schreibt die Ziele für einen umfassenden Reformprozess der Theaterlandschaft in Wien fest.

Alle vier Rathaus-Fraktionen haben am Freitag das neue "Leitbild zur Theaterreform" gelobt. Die Einstimmigkeit sei um so bemerkenswerter, "weil wir wissen, dass kulturpolitische Diskussionen oft sehr kontroversiell sind", meinte SP-Kultursprecher Ernst Woller.

"Historische Dimension"

Das vorliegende Leitbild sei "zumindest für Österreich einmalig", meinte Mailath-Pokorny, und sei "eine politische Absichtserklärung und eine Willensbekundung", die man gemeinsam auf der Basis der erstellten Off-Theaterreform-Studie erarbeitet habe. Trotz der "historischen Dimension" stehe man "in Wahrheit am Beginn einer großen Aufgabe", bei deren Umsetzung er ausdrücklich zum Einbringen von Vorschlägen einlade. "Wir begeben uns in eine Debatte mit offenen Ausgang."

Nicht im Leitlinien-Text enthalten, aber angeblich paktierter Teil jener "Ausführungsbestimmungen", an denen man derzeit arbeite, sei die Erstreckung der künftig "Konzeptförderung" genannten langfristigen Betriebsförderung von bisher drei auf künftig vier Jahre, versicherte der Stadtrat. Die Reform soll ab 1. September 2005 umgesetzt werden.

Mehr Transparenz

Die Schaffung von Richtlinien ist laut SP-Kultursprecher Woller als ein wichtiges "Etappenziel" zu sehen. Denn notwendig sei die "Überwindung eines gewissen Stillstands". In Zukunft gebe es mehr Transparenz und auch mehr Chancen für kleine Gruppen - was letztendlich auch zu mehr Publikum führen solle.

Die Kultursprecherin der Grünen, Marie Ringler, zeigte sich ebenfalls erfreut. Bisher sei die Politik in Wien oft der Kunst hinterher gehinkt: "Es hat stumpfe und schwerfällige Instrumentarien der Kunstfinanzierung gegeben." Jetzt gebe es Richtlinien, die neuen und experimentellen Entwicklungen besser gerecht würden, befand Ringler.

"Mehr Mittel und Chancen für Erfolgreiche"

"Diese Reform ist in der Sache richtig, sie macht Sinn und ist notwendig", betonte auch VP-Kultursprecher Andreas Salcher. Derzeit sei es so, "dass es ein Gießkannenprinzip gibt". Jetzt sei es möglich, dass jene, die erfolgreich seien, mehr Mittel und Chancen erhalten.

FP-Kultursprecherin Heidemarie Unterreiner sprach von einem "Schritt in die Zukunft", hin zu mehr Kontrolle und Transparenz.

Der Entwurf im Detail

Viel Platz wird in dem achtseitigen Elaborat grundsätzlichen Überlegungen und historischen Betrachtungen gewidmet. Wien bekenne sich "zu einer substantiellen Finanzierung einer vielfältigen, sich ständig erneuernden Theaterlandschaft auch jenseits der etablierten Theaterinstitutionen" und konzentriere sich dabei "auf jene Bereiche, die auch bei hoher Qualität privat nicht zu finanzieren sind." Die Darstellende Kunst dürfe sich "nicht nur lokal definieren", sondern solle sich "weiter international öffnen."

Auch die Bedeutung der Freien Theaterszene wird hervorgehoben und die Notwendigkeit eines flexiblen Fördersystems betont: "Für eine lebendige Weiterentwicklung der Theaterlandschaft ist es unabdingbar, auch in Zukunft Neugründungen zu ermöglichen."

Ziele der Theaterreform

In dem Abschnitt "Ziele der Theaterreform" ist die Arbeit der neuen Wiener "Off-Theater"-Kuratoren stark eingeflossen: Bei der Weiterentwicklung der Förderpraxis verfahre die Stadt nach den Grundsätzen "Transparenz und Einheitlichkeit im Vergabeverfahren", "Gewährung von Förderung ausschließlich aufgrund eines Antrags", "Regelmäßige Evaluierung durch Fachgremien" sowie "begrenzte Laufzeit von Intendanzen und Förderverträgen".

Unbefristete Theater-Prinzipale soll es künftig also nicht mehr geben. Ziel der Reformen soll die Herstellung eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen den einzelnen Sparten sowie zwischen etablierten und aufstrebenden Theaterschaffenden sein, die administrative Trennung in Mittel- und Kleinbühnen sowie Freie Gruppen soll aufgehoben werden. Ausdrücklich erwähnt wird die Notwendigkeit von "Spartenhäusern" wie dem Tanzquartier oder der Kammeroper, wobei aber bei neuen Einrichtungen künftig vor allem spartenübergreifende Konzepte Berücksichtigung finden sollen.