Besuch in der "Böhmischen Krone"

"Jetzt trinken Sie einmal in Ruhe ihr Bier, später werde ich Ihnen dann von meinem Großvater erzahlen. Na zdravf!" Richard Hasek ist ein umsichtiger Wirt: Er sorgt dafür, dass seine Gäste nie lange auf den entsprechenden Nachschub an wohlgezapftem Pilsner warten.

Eigentlich ist der 54-jährige Richard Hasek studierter Mathematiker, jahrelang war er in Prag wissenschaftlich tätig. "Als aber die 'Böhmische Krone' zum Kauf angeboten wurde, konnte ich gar nicht anders, ich musste einfach zugreifen", erzählt er: "Schließlich geht es hier um die Erinnerung an meinen Großvater".

Das "schlampige Genie"

Der Großvater war der Schriftsteller Jaroslav Hasek - weltberühmt durch "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk". Den Großteil dieses Werkes schrieb Hasek in der "Böhmischen Krone", wo er sich im Sommer 1921 einquartiert hatte. Wenige Monate zuvor war Hasek aus Russland zurückgekehrt, wo er mehrere Jahre gelebt hatte.

Jaroslav Hasek, der seine Redakteurstätigkeit bei der Zeitschrift "Die Welt der Tiere" verlor, weil er seine Fantasie spielen ließ und einfach neue Tierarten erfand, der oft wochenlang nicht auffindbar war, der seine Kurzgeschichten für zwei Biere in den Prager Wirtshäusern verkaufte und der den wenige Monate alten Sohn im Kinderwagen vor einer Weinstube vergaß, während er sich drinnen mit Freunden betrank, galt im Volksmund als "schlampiges Genie" und unverbesserlicher Bohemien.

Ein kleines Haus in Lipnice

Das ruhige, malerische Lipnice war der erste Ort im Leben Haseks, an dem sich der Schriftsteller, der andauernd seine Wohnsitze wechselte, dauerhaft niederlassen wollte. 1922 kaufte er ein kleines Haus gleich gegenüber der "Böhmischen Krone" und direkt unterhalb der Burg (die eine der größten und ältesten mittelalterlichen Festungsanlagen Tschechiens ist).

Heutzutage ist das Haus Hasek-Gedenkstätte mit einer umfangreichen biografischen Dokumentation.

Ein scheinbar dummer Soldat

Die Abenteuer des braven und scheinbar dummen Soldaten Schwejk, der alle Aufträge über Gebühr erfüllt und damit ad absurdum führt, waren ab 1921 als Fortsetzungsroman in Form von billigen Heftchen erschienen, die an Zeitungskiosken verkauft wurden. Hasek war zu dieser Publikationsform genötigt gewesen, da der Verleger, dem er den "Schwejk" als Buch angeboten hatte, diesen mit den Worten ablehnte: "Das ist nur Literatur für Kommunisten, nicht aber für tschechische Menschen".

Den großen Erfolg seiner genialen Satire auf den Militarismus konnte Jaroslav Hasek nicht mehr miterleben: Er starb - im Alter von 39 Jahren - am 3. Jänner 1923 in seinem Haus in Lipnice an den Folgen einer Lungenentzündung.

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