Ausflug zu den Wächtern des guten Stils

Was einmal sitzt

Die Kolleginnen von "Sex and the City" hievten sich angeblich in den richtigen Klamotten auf New Yorker Barhocker: kurz, eng, hoch. Ich kann es nicht imitieren, denn ich habe kaum ausreichend masochistische Eigenschaften, um in Stilettos herumzustaksen.

Legen sie in einem Café ihren Mantel niemals über die Lehne des Sessels neben sich, das outet Sie als Person des 21. Jahrhunderts. Und wenn Sie schwitzen, dann ziehen Sie Ihr Sakko oder Ihre dritte Schicht Cool Wool nicht aus, denn das animiert zu mehr Konsum. Wer sich körperlich unwohl fühlt, konsumiert nämlich in Lokalen weniger; 26 Grad Celsius ist der klimatische Knackpunkt willfähriger Konsumlust.

Derlei anregende Dinge lernt man, wenn man sich über Kleidervorschriften in der Gastronomie kundig macht. Das heißt, ihr beim Stöhnen zuhört. Sie kann sich nämlich nicht mehr durchsetzen, die Gastronomie, wenn es um die adäquate Hülle ihrer zahlenden Klientel geht. Wort und Zweck einer Garderobe seien unbekannt, jeder setze sich heute schon im Mantel, kommt mir da zu Ohren. Und dass der Gast als mobilisierte Mehrzweckvase zum Inventar des Lokals gerechnet wird, das höre ich durch. Aber Widersprüche ernähren nicht nur das Feuilleton. Im Sommer, da mögen die Restaurant- und Kaffeehausbesitzer den Spritzer Sexappeal, den es ihrem Lokal verleiht, wenn der Dame beim Nippen am Proseccoglas der Spagettiträger versehentlich von der Schulter rutscht. Nackte Haut kann nunmal mehr als ein Eisbecherschirmchen.

Wohlwollende Blicke! Wer will die nicht auf sich gerichtet wissen? Wir essen mit den Augen und verschlingen den anderen Gast inklusive Servicepersonal gleich mit. Deshalb darf sich das Servicepersonal in Berufsbekleidung fallen lassen, Smoking im Ernstfall größter Tradtitionsgebundenheit, schlappriges Sakko im nonchalanten Kaffeehaus, Schürzchen mit geschnürten Stiefelchen in der Konditorei, Hot Pants am Steak-Tresen. Je besser es sich der Gast als Chamäleon im Restaurantimage einrichtet, desto wohler wird er sich fühlen.

Mit zu viel Flipflopigem um meine Zehen, zu viel Ungebügeltem um meine Hüften, zu wenig Gestopftem um meine Brust falle ich aus dem Rahmen. Würde ich nicht professionellerweise zuhören, dürfte ich wohl nicht hier sitzen und mit dem Fingernagel Kreise in die Stoffserviette drehen.

"Um angemessene Kleidung wird gebeten": Die deutsche Fassung für das in den USA gebräuchliche "casual elegant" drückt die höfliche Ambivalenz derer aus, die um jeden Gast kämpfen - und jeden Medienbericht. Mit meinem dritten und letzten Ausflug in die Region des Silberbestecks und der Anrichtewagerln soll sich das ändern.

Das Kleid sitzt nicht. Von hinten sehe ich aus wie ein schraffiertes Fragezeichen, weil der Reißverschluß mit jeder Bewegung ausbricht, nicht eine gerade Linie entlang des Rückgrats bis zum Gesäß zeichnet sondern nomadisiert wie eine Laufmasche. Ich kann auch links und rechts nicht besonders präzise unterscheiden. Ich bin eine Frau (und nein, ich kann einparken, sehr gut sogar).

Jedenfalls, wenn er sich von hinten nähert, muss ich in Folge immer zögern, ob ich meinen Oberkörper nach links oder rechts biegen muss, damit er vorbeikommt. Er, beziehungsweise Teller, Glas, Salatschüssel. Der formal richtig angelernte Kellner serviert ja von links hinten. Also müsste ich nach rechts rücken. Das ist aber nicht die einzige Unsicherheit, die meine Stimmung zu beugen vermag.

Weitere Zutaten sind die appetitliche Flüsterei, die nicht enden wollende Zurückhaltung der Kellner und der Krampf in Kiefer und Oberarm vom bewusst verlangsamten Happen-nach-Happen in den Mund schieben. Dieser nach innen gerichtete Genuss, der dem sinnlichen Erleben Formalität aufdrückt und es dabei erstickt. Nein, danke.

Ich kann die steife Atmosphäre in Nobelrestaurants kaum ertragen. Meine Formfehler häufen sich wie die ungehörigen Brösel um den Brotteller. Und schon pickt das erste aufgespießte Blatt Salat auf dem hübschen Kleid. Das sitzt.

Hör-Tipp
Moment - Leben heute zum Thema "Dresscode", Montag, 30. Juni 2008 bis Freitag, 4. Juli 2008, 17:09 Uhr