Mein Vater Georg Kreisler

Sandra Kreisler hatte keine glückliche Kindheit, aber eine interessante. Georg Kreisler, unbestritten eine wesentliche Figur der künstlerischen und politischen Geschichte des deutschsprachigen Raumes, war als Vater zwar warmherzig, aber autoritär.

Mein Vater wird nie mit mir über das sprechen, was ich hier sage. Ich fürchte, er wird überhaupt nie mehr mit mir sprechen. Denn er spricht schon seit Jahren nicht mit mir, und nichts, was ich bisher tat oder noch tue, kann das ändern. Trotzdem ist er ein wichtiger Mensch, nicht nur für mich, und trotzdem ist er ein guter Mensch, nicht nur für mich. Vor allem aber: Es wäre ein Fehler, von den Familiengeschichten, von dem Menschen Georg Kreisler auf den Künstler zu schließen. Der Künstler ist das eine - der Mensch das andere.

So ähnlich würden sicherlich auch Verwandte von Brecht, Rousseau und vielen anderen Genies sprechen - und ein Genie ist er zweifellos, der Georg Kreisler, mein Vater. Auch einem genialen Menschen purzeln die Ideen und Gedanken nicht einfach aus dem Hirn - man muss sie zwingen, sich quälen, und hat ergo (so vermute ich) wenig Platz in der Seele für die richtige Welt. Jeder nimmt die Welt durch seinen eigenen Filter wahr, das gilt für Künstler ebenso wie für Künstlerkinder. Und wenn die Künstlerkinder dann auch noch selber Künstler werden, wird’s richtig kompliziert.

Mein Vater war ein paternalistischer Vater

Immer ein bisschen von oben herab, so habe ich ihn zumindest empfunden. Er war auch warmherzig und verantwortungsvoll - ganz sicher, aber ich hatte immer das unbestimmte Gefühl, das sei mehr Pflicht als Interesse. Seine späteren Worte geben mir da irgendwie Recht. Er schreibt zum Beispiel im Beiblatt zu einer CD: "Was sollen uns die Kinder, wenn sie keine Kinder mehr sind? Was haben unsere Kinder mit uns zu tun, außer, dass sie durch uns zur Welt kamen und von uns mehrere Jahre lang abhängig waren?". Folgerichtig hat er seit Jahrzehnten zu seinen immerhin drei Kindern absolut keinen Kontakt.

Trotzdem kann man ihn nicht als "Rabenvater" bezeichnen, denn solange zumindest seine beiden Kinder aus dritter Ehe - also mein Bruder und ich - klein waren, hat er sich gekümmert, wie man das von einem Vater erwartet. Als wir dann in die Pubertät kamen, wurden wir schwierig, akzeptierten nicht mehr so leicht die Autorität eines Mannes, der uns immer gepredigt hatte, sich gegen Autoritäten aufzulehnen - und das wurde ihm dann zu anstrengend.

Er hätte sich auf andere komplizierte Seelen einlassen müssen; zumindest die Möglichkeit einräumen, sich auch mal zu irren. Es gab Kämpfe wie in vielen Familien, denn Kinder nabeln sich ab, und Eltern müssen sie neu kennen lernen. Das Problem in unserer Familie ist nur: Wir alle - mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und auch ich - wurden mit einem Rechthabe-Gen geboren.

Es fällt uns sehr schwer, die Tatsache, dass es mehrere Wahrheiten nebeneinander geben kann, zu erkennen oder gar zuzugeben. An diesem Rechthabe-Gen ist die Familie zerbrochen. An diesem Rechthabe-Gen sind auch, wie es scheint, die anderen Ehen und Familien meines Vaters zerbrochen. Vielleicht sind deshalb auch alle langjährigen Freundschaften, z. B. die mit Erwin Ringel, letztlich gescheitert. Georg Kreisler hat heute, im Alter von immerhin 85 Jahren, keine einzige Freundschaft, die älter ist als seine jetzige Ehe. Doch er scheint absolut glücklich zu sein. Ich gönne ihm das von Herzen.

Er ist - und damit sind wir beim Künstler - ganz unbestritten eine wesentliche Figur der künstlerischen und politischen Geschichte des deutschsprachigen Raumes. Im gesamten deutschsprachigen Raum muss bis heute jeder Chansonnier, jeder musikalische Kabarettist Lieder von Georg Kreisler in seinem Repertoire haben - einfach weil: Es geht nicht ohne.

"Nicht einsetzen"

In den späten 1980er Jahren habe ich mal nach den Platten von Georg Kreisler im Wiener Funkhausarchiv gestöbert. Es war fast alles da. Und neben den Titeln stand jedes Mal "Vorsicht Text" oder "Nicht einsetzen" mit drei Rufzeichen. Das wird bis heute so gehandhabt. Folgerichtig ist Georg Kreisler heute in Deutschland wesentlich anerkannter als in Österreich.

Folgerichtig wird er wohl in Österreich erst dann so richtig "berühmt" werden, wenn er - G’tt behüte - gestorben ist.

In Österreich wird nicht geschätzt, wer zu Recht kritisiert. Und wenn man noch dazu kritisierender Jude ist, werden einem alle Türen, die einen beruflich weiter führen könnten, aus fadenscheinigen Gründen vor der Nase zugeknallt. (Auch menschlich wird man missachtet, zum Beispiel ist in den letzten 60 Jahren noch nicht einmal jemand auf die Idee gekommen, dem Emigranten Kreisler ehrenhalber seine österreichische Staatsbürgerschaft zurückzugeben.) Kreisler hat das immer wieder betont, und lange Jahre fand ich: Er übertreibt. Aber seit ich in Berlin lebe, weiß ich: Er hat völlig Recht. Abgesehen davon, dass der politische Diskurs in Deutschland ein anderer ist, merke ich ganz persönlich: In kürzester Zeit wird meine Arbeit allgemein wahrgenommen, findet Anklang und Würdigung - in Österreich bin ich auch nach Jahrzehnten nichts anderes als Mietstimme, darüber hinausgehendes Interesse ist nicht in Sicht.

Es ist so traurig wie typisch, dass Georg Kreisler in Österreich nicht "Autor, Komponist und Intellektueller" ist, sondern der "schwarzhumorige Kabarettist". Auch so kann man Inhalte marginalisieren. Natürlich, er ist - ganz dem Rechthabe-Gen entsprechend - kein Diplomat, vielleicht hätte er, wäre er in manchem etwas konzilianter gewesen, auch mehr erreichen können. Aber: Ihm ging es immer um eine Aussage, eine Haltung. Das mag zwar Hürden geradezu generieren - es ist trotzdem ein Lebenselixier, und zwar nicht nur für den, der diese Haltung hat!

Aber - um wieder auf die familiäre Seite zu kommen: Diese Art der Unbeugsamkeit ist zweischneidig. Wenn ein Mensch in erster Linie Genie ist, so kann er nur in zweiter Linie Vater sein. Wir waren auch Vorzeige-Kinder, so sehe ich das im Rückblick. Wenn Journalisten kamen, wurden wir vorgeführt, durften stolz Farkas-Doppelconférencen auswendig zum Besten geben und mussten dann in unser Zimmer. Wir hatten ständig wechselnde Kindermädchen, und das Wort, das mir am meisten aus meiner Kindheit in Erinnerung blieb, ist das Wort "Rücksicht" - die mussten wir immer nehmen, z. B. auf den im Arbeitszimmer verschwundenen Vater.

Heute weiß ich, dass es sehr kompliziert sein muss, Kinder im hoch disziplinierten und zugleich chaotischen Ablauf künstlerischer Arbeit unterzubringen - und mein Vater hatte damals noch dazu das Ideal einer "antiautoritären Erziehung". Leider war er aber nicht nur paternalistisch, sondern auch von Natur aus eher autoritär - und das kann zu einem ziemlichen Wechselbad führen.

Trotzdem: Ich möchte eigentlich keine andere Kindheit haben, sie war aufregend und lehrreich, und ich könnte Tausende Anekdoten erzählen, wie Georg Kreisler uns in der Volksschule gegen bornierte Lehrer unterstützte, wie wir auf langen Autofahrten Reim- und Wortspiele spielten, wie er meinem Bruder zeigte, wie man am besten Mädchen anbaggert und so fort. Doch bis heute kann er weder meinem Bruder noch mir das Erwachsenwerden verzeihen, und vor allem: bis heute - immerhin fast 30 Jahre später! - setzt er voraus, dass er weiß, was wir für Menschen geworden sind. Ich hingegen bin überzeugt: Er weiß nicht mal, was wir für Kinder waren - und er ahnt nicht, wie viel er von uns Kindern heute profitieren könnte.

Es ist für die ältere Generation von Vorteil, von den Kindern zu lernen, auch wenn es mit den Jahren immer mehr Kraft kostet, die Gegenwart zu begreifen. Wenn man allerdings ein unbeugsamer Charakter ist, dann fällt es schwer zuzugeben, dass man doch noch manchmal umdenken könnte. Außerdem ist es das Wesen der Menschen, Andersdenkenden ungern zuzuhören. Mir bleibt also nur, mich zu bemühen, meinem Vater in Manchem eben nicht gleich zu werden. Ich möchte offen und warmherzig sein, nicht es spielen, und wenn ich etwas von einer Bühne singe, dann meine ich es auch so.