Konflikt und Erneuerung

"Conflict and Renewal. Europe Transformed" ist der Titel eines Buches, das am Freitag in Wien vorgestellt wurde. Zahlreiche Autoren und Autorinnen haben ihre Beiträge zum Frieden dem österreichischen Diplomaten Wolfgang Petritsch zu dessen 60. Geburtstag gewidmet.

Die Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien bedienen sich in ihren Zeitangaben eines einfachen Ausdrucksmittels. Sie sagen: "Das war vor dem Krieg" oder "Nach dem Krieg war es..."

Welcher Krieg?

Für Außenseiter stellt sich vorsichtig die Frage, welcher. Ist der Erste oder Zweite Weltkrieg gemeint, oder der letzte Balkankrieg? Wenn letzteres gemeint ist, stellt sich gleich die nächste Frage: Was denkt man eigentlich, wenn man den gewalttätigen Zerfall Jugoslawiens "den letzten Krieg" nennt?

Es herrscht ja immer noch keine Einigkeit darüber, ob es ein Krieg oder Bürgerkrieg war, ob es ein oder einige Bürgerkriege waren. Man fragt sich, ob der Krieg mit dem Dayton-Abkommen, 1995, oder nach den NATO Angriffen auf Serbien, 1999, endete...

Jede Antwort verursacht neue Gegenfragen und dieses Schema findet man in jeder Facette des Lebens der Menschen auf dem Balkan, oder besser gesagt, in Süd-Osteuropa oder in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens.

Um den letzten Krieg zu beenden (1995 bzw. 1999) und die Folgen des Krieges (oder der Kriege) zu mildern, haben sich die besten Weltpolitiker und Diplomaten große Mühe gegeben. Doch keinem ist es gelungen, eine für alle beteiligten Parteien zufriedenstellende Lösung zu finden.

Wolfgang Petritsch

Der österreichische Diplomat Wolfgang Petritsch ist einer der wenigen, dem es beinahe gelungen ist, den gordischen Knoten des Balkans zu entwirren. Petritsch war ehemals EU-Bosnien-Beauftragter und vertritt nunmehr Österreich bei der UNO in Genf.

Was ihn von anderen Politikern unterscheidet - zumindest wenn es um das Gebiet Süd-Osteuropa geht -, ist seine profunde Kenntnis der südslawischen Sprachen, der Geschichten und seiner persönliche Zuneigung zu einer Region, in deren Nähe er selbst aufgewachsen ist.

"Ich bin zweisprachig - slowenisch und deutsch - in Südkärnten aufgewachsen", erklärt Petritsch. "Ich bin oft nach Slowenien gefahren, unser Dorf ist eine halbe Stunde vom Loiblpass entfernt und für mich war es nach Krain (Kranj, Anm.) oder nach Laibach (Ljubljana, Anm.) eigentlich näher als nach Klagenfurt, obwohl dazwischen zwei Grenzen waren, eine natürliche, gebirgige und eine ideologische Grenze."

Politisch gesehen hält Petritsch den Zerfall Jugoslawiens für eine Tragödie: "Ich glaube, dass dieses Jugoslawien vieles von dem vorweggenommen hat, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in dieser Region passieren wird müssen, damit diese Staaten und die Menschen europafähig werden." Petritsch meint damit den Rückfall in klein karierten Nationalismus, der in Wirklichkeit kein Nationalismus sei, weil die Sprachen und Mentalitäten einander so ähnlich seien. "Ich habe immer den Eindruck gehabt, dass eher die Ähnlichkeiten als die Unterschiede den Konflikt verursacht haben."

Wolfgang Petritsch ist sich seiner persönlichen Begrenzungen und seiner nicht erfüllten Ziele seiner Tätigkeiten in der Region bewusst.

"Ich habe wirklich alles versucht und ich glaube, dass ich vielfach Verständnis gefunden habe. Man muss aber immer berücksichtigen, dass die internationale Gemeinschaft ein Widerspruch in sich ist. Es gibt einerseits ein politisches Interesse und andererseits ein auf sich selbst bezogenes Interesse. Ein Brite oder ein Amerikaner hat ein anderes Verhältnis zu dem, was dort relevant oder nicht relevant ist. Dann gibt es auf der Ebene von Metakommunikation nicht ausgesprochene Unterschiede und die zu durchbrechen ist sehr schwierig."

Konflikt und Erneuerung

Das gerade erschienene Buch "Conflict and Renewal: Europe Transformed", in dem seine Herausgeber Hannes Swoboda und Christophe Solioz Texte über dieses Thema von fast 60 Autoren gesammelt haben, ist ein Zeichen der Anerkennung der Arbeit von Wolfgang Petritsch. Das Buch ist ihm gewidmet und hat den Untertitel "Essays in Honour of Wolfgang Petritsch".

"Ich glaube, dass die, die das Buch geschrieben haben, meine eher undiplomatische Art und Weise schätzen, mit der ich an die Probleme herangegangen bin. Ich bin nicht unpolitisch - ganz im Gegenteil - ich bin sehr politisch, aber ich sehe die Wirkung der tiefer liegenden Schichten menschlicher Konditionen: die Gefühle, die Menschen sozusagen erst zu Menschen machen. Diese werden in dieser hohen internationalen Politik beiseite geschoben und man steht eigentlich vor einem Rätsel: Warum ist dieser Krieg ausgebrochen?"

Die Autoren und Autorinnen wie Madeleine Albright, Erhard Busek, Manfred Nowak, Boris Nemsic, Carla del Ponte, Slavenka Drakulic - um nur einige zu nennen - haben versucht, aufzuzeigen, dass Europa ein wichtiger Faktor im Hinblick auf die Herausforderungen ist, die mit der Verzögerung der Transition in den Staaten auf dem westlichen Balkan entstanden sind.

Es wäre zu optimistisch zu glauben, dass die Menschen in Süd-Osteuropa ihre Zeitrechnung nicht mehr nach Kriegen machen werden. Das Beispiel von Wolfgang Petritsch aber zeigt, dass das Bedürfnis für das Subjektive seinen Platz in der Politik hat, obwohl unsere Zeit mehr und mehr unpersönliche, streng professionelle und scheinbar objektive Charaktere bevorzugt.

Man darf nicht auf die Menschen verzichten, die fähig sind, die persönliche Leidenschaft und die professionellen Begabungen in sich so zu vereinen, wie das der Fall ist bei der Person von Wolfgang Petritsch.

Buch-Tipp
Hannes Swoboda, Christophe Solioz (Ed.), "Conflict and Renewal: Europe Transformed - Essays in Honour of Wolfgang Petritsch", Nomos Verlag, ISBN 9783832928438

Link
Nomos - Conflict and Renewal