Unbekannte bulgarische Filmszene

Im Gegensatz zum rumänischen Film, der in den letzten Jahren zumindest durch große Festivalerfolge etwa in Cannes auf sich aufmerksam machen konnte, sind sowohl die Filmgeschichte Bulgariens als auch das aktuelle Filmgeschehen in Bulgarien in der Europäischen Union ziemlich unbekannt.

Das Kirchlein Bojana, in einem Vorort Sofias, am Fuße des mächtigen Vitoschagebirges, zählt zum Weltkulturerbe der UNESCO. In ihm gibt es großartige Fresken aus der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, die es allemal mit Großmeistern der westlichen Malerei wie Giotto aufnehmen können.

Dargestellt sind, im prächtigen Ornat, der bulgarische Zar Konstantin Assen und seine Gattin, die byzantinische Prinzessin Irina. Bilder, die mit der nationalen Identität Bulgariens unauslöschlich verbunden sind.

Berühmte Filmstudios

Kein Wunder, dass man auch die berühmten Bulgarischen Filmstudios Bojana nannte, in denen die wichtigsten Filme der bulgarischen Geschichte gedreht wurden .Zum Beispiel das "Ziegenhorn" vom Metodi Andonov, in dem es wie in so vielen anderen Streifen der bulgarischen Filmgeschichte um den Freiheitskampf der Bulgaren gegen die türkischen Besatzer geht.

In diesem fast dialoglosen, archaischen Film in Schwarzweiß aus dem Jahr 1972 geht es um einen Hirten und seine Tochter, die Rache nehmen an den osmanischen Vergewaltigern und Mördern der Mutter. Eine Arbeit von Metodi Andonov, die auch heute noch beeindruckt.

Späte Bewunderung im Westen
Dennoch wurde sie auch im Ausland nur selten gesehen, erzählt seine Tochter Milena Andovona, selbst Filmregisseurin: "Mein Vater starb sehr jung in der schwärzesten Zeit des Kommunismus und er reiste nur einmal zu einem Filmfestival. Er war ein Einzelgänger. Sein Film 'Das weiße Zimmer', in dem ich als Kind mitspielte, wurde 2000 bei der Berlinale im Rahmen eines Spezialprogramm gezeigt und nach dem Screening kamen Leute voller Bewunderung zu mir und fragten, warum habt ihr diesen Film nicht früher gezeigt. Ich antwortete: Wir hatten ja keine Gelegenheit."

Milena Andovona hat im vergangenen Herbst selbst einen Film herausgebracht, der in Bulgarien einen großen Erfolg hatte. "Affen im Winter". In ihm erzählt sie die Geschichten dreier Frauen zu unterschiedlichen Zeiten in Bulgarien, im Sozialismus zur Wendezeit und heute. Alle drei Frauen scheitern in ihrem Anspruch nach persönlichem Glück.

Das Bojana-Filmstudio
Als Milena Andovona ihren Film drehte, gab es die berühmten Bojana-Filmstudios noch, aber man sprach bereits von Verkauf und Privatisierung. Ende 2005 war es soweit. Eine kalifornische Produktionsfirma schlug zu - für umgerechnet 6,2 Millionen Euro. Für viele Filmemacher war das Schock, ist doch das Bojana-Filmstudio mit der großen Zeit des bulgarischen Films verknüpft.

"Zwei Generationen träumen noch von dieser Zeit", so Ingeborg Bratoeva, bulgarische Filmhistoriker und Filmkritikern. "Meiner Meinung nach sind die 1970er Jahre der Höhepunkt des bulgarischen Kinos." Es gebe dafür verschiedene Ursachen: "Die Staatsfinanzierung garantierte den talentierten Künstlern, dass sie ihre Filme machen konnten. Aber das ist vorbei. Diese alten Filme wurden als DVDs als Beilage zu Zeitungen auf der Straße verkauft. Besonders die ältere Generation ist Schlange gestanden und viele bulgarische Familien haben jetzt diese Filme zu Hause."

Zum Beispiel der Pfirsichdieb von Todor Stojanov, der eine Liebesgeschichte am Ende des ersten Weltkriegs erzählt und mit einem Soldatenbegräbnis beginnt, auf dem sich zwei Kinder nach dem Sinn des Kriegs fragen.

Glanzvolle Zeiten
Auch der junge Regisseur und Produzent Victor Chuchkov erinnert sich noch an die glanzvollen Zeiten der Bojana-Studios. Als neunjähriger hat er in einem berühmten bulgarischen Film mitgespielt und er erinnert sich an hunderte Personen, die auf den Korridoren standen und eine überaus lebendige Filmindustrie. Damals wurden 30 bis 40 Filme pro Jahr gedreht, heute seien es drei bis vier, sagt Chuchkov, der längere Zeit in Italien gelebt hat.

Chuchkov hofft, dass sich diese traurige Situation durch eine neue Filmgesetzgebung ändert und dass es auch wieder mehr Geld vom Staat gibt. Er bereitet derzeit einen Film über die Wendejahre zu Beginn der neunziger Jahre vor, die von großen Hoffnungen und Enttäuschungen geprägt war. Jugendliche und ihre Situation werden in dem Film "Tilt" dabei die Hauptrolle spielen. Ein Film, der so hofft der junge Regisseur, auch im Ausland zu sehen sein wird.

Selbstmarginalisierung
Was wünscht sich die Filmhistorikerin Ingeborg Bratoeva für den Bulgarischen Film? "Ich wünsche mir für das bulgarische Kino Ideen, sehr gute Schriftsteller und auch Geld. Aber an erster Stelle denke ich, dass es nicht so sehr an Geld fehlt. Was ich wünsche, ist ein Umsturz, eine Wandlung dieser Situation, in der die bulgarischen Filmemacher und auch die Filmemacher der Balkan-Staaten sich selbst marginalisieren. Und wenn das in einer psychologischen Weise von unseren Filmemachern überwunden wird, dann werden auch die guten Ideen kommen."

Es geht also darum, nicht nur die Klischees des Balkankinos à la Kusturica zu bedienen, mit absurder Komik und Gypsy Music, auch das Schielen nach westlichen Erfolgsrezepten bringt nichts. Es geht darum, ganz authentische Geschichten aus einem Land zu erzählen, dessen Kultur und Historie allemal interessanter ist.

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