Zwischen Worten und Klängen

Seit Dezember 1987 produzieren die "Tonspuren" Woche für Woche "Hörbilder zur Literatur". Literatur aus anderer Perspektive, dargestellt mit den akustischen Mitteln des Radios. Formal durchtrainiert, zuweilen hintergründig, oft mit indirekten Zugängen.

Am Anfang waren das Wort und die Langeweile. Doch das ist lange her. Ich war, 1986 aus dem Landesstudio Vorarlberg kommend, gerade einmal ein Jahr in Wien, als mich Alfred Treiber, der heutige Ö1-Programmchef, mit einer ungewöhnlichen Aufgabe betreute. Ich solle, meinte er, ein neues Sendeformat entwickeln. Literarische Features nannte man das damals. Oder Features aus der "Welt der Literatur". Die Idee war simpel, naheliegend - und dennoch überraschend.

Die Literatur im Radio hatte Jahrzehnte im formalen und ästhetischen Schmollwinkel überdauert. Man hatte gelesen und lesen lassen. Literaturberichterstattung roch nach Weihrauch und Denkmalpflege. Gleichzeitig aber hatte sich, begründet und vorangetrieben von Richard Goll und Alfred Treiber, das Format des Features erfolgreich etabliert. Jene Form also, in der das Radio zeigte was es kann. Man dozierte nicht, sondern ließ das "Volk" zu Worte kommen.

"Renaissance" des Hörfunks

Den besten Dienst, so fanden wir damals und finden es bis heute, erweist man der Literatur, indem man spannende Sendungen macht. Wenn es also gelingt, die Rezeption von Literatur und literarischen Themen positiv zu besetzen. "Literatur pur" sollte es natürlich weiterhin geben. Nach wie vor sendet Ö1 Radiogeschichten und Texte, Hörspiele, zeitgenössische Lyrik und die unverwüstliche "Holde Kunst". Im Frühjahr 1987, im Jahr der großen Ö1-Programmreform, begannen wir also das damals noch namenlose "Ding" zu entwickeln. Robert Weichinger bereitete eine Reportage über die Ohlsdorfer Nachbarn von Thomas Bernhard vor ("Die Hauptdarsteller der Nebenrollen"), Wolfgang Ritschl und Heidi Kessler portraitierten die italienische "Dichterfirma" Fruttero & Lucentini und ich selbst versuchte in "Hölderlins List" mit Hilfe des französischen Germanisten Pierre Bertaux, der gleichzeitig Geheimdienstler und später Polizeipräfekt war, nachzuweisen, dass Friedrich Hölderlin gar nicht wahnsinnig war sondern dass die Romantik das bloß gern so gesehen hätte. Den Serientitel "Tonspuren" steuerte, nach endlosen Debatten, schließlich Hubert Gaisbauer bei und als die erste Folge am 6. Dezember 1987 endlich gesendet wurde, dachte natürlich kein Mensch an Geburtstage und schon gar nicht an einen zwanzigsten.

Literarische Themen spannend aufbereitet

Bald schon gab es für die "innovative Sendereihe" erste Preise und Auszeichnungen und nachdem Alfred Koch 1995 das Ruder übernommen hatte wurde aus einer guten Sendereihe eine exquisite. Es folgten der "Radiopreis der Erwchsenenbildung", der "Andreas-Reischek-Preis" und - als Höhepunkt - der Prix Italia 2002. Alfred Koch erhielt diesen "Radio-Oscar" für sein Feature über den amerikanischen Kultautor Raymond Carver. Ausgezeichnet wurde damit aber auch ein Format, dass es in dieser Form weltweit kaum irgendwo gibt.

Anfang 2006 wurde die Themenpalette der "Tonspuren" übrigens um Themen aus der "Welt der Musik" erweitert. Seither erzählen die "Tonspuren" auch die Geschichte der Billie Holiday, begleiten den Jazzer Franz Kogelmann auf seiner Reise nach Hermannstadt oder gehen der Frage nach, woran Ludwig van Beethoven denn nun wirklich starb. Mittlerweile sind mehr als 700 Literatur- und Musikfeatures entstanden, 551 Autoren und Autorinnen wurden portraitiert, mehrere Hektoliter Kaffee getrunken und manche Lunge trittfest zugeteert. Trotz der ausgesprochen ungesunden Begleitumstände ist mit einem baldigen Ableben nicht zu rechnen. Ein öffentlich-rechtlicher Kultursender weiß schließlich was sich gehört.

Hör-Tipp
Tonspuren, Freitag, 30. November 2007, 22:15 Uhr

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