von Reinhold Schrappeneder
Die Sonne über dem Wiental
von Reinhold Schrappeneder
8. April 2017, 21:58
...Net amal des ham's ihm beibracht auf der Akademie?...
Egon Erwin, Außendienstmitarbeiter der Schutzengelabteilung "Filiale Wien", Sektion Wiental, schlägt Alarm: Auf der Linken Wienzeile rast ein Autofahrer, geblendet von der tief stehenden Wintersonne, mit unvermindertem Tempo auf eine rote Ampel und auf einen Fußgänger zu. Was also tun? Egon Erwins Kollege Benignus, der vom Sektionsbüro aus die Einsätze koordinieren soll, ist in diesem Moment auch mit seiner Spielkonsole viel zu beschäftigt, um sich ausreichend mit diesem Vorfall zu abzugeben. Also kommt er so ganz nebenbei Egon Erwins Wunsch nach sofortigem "Einfrieren" des Geschehens nach. Und der hätte in seinem jugendlichen Übereifer am liebsten ja gleich rettend eingegriffen, aber beider Chef, der routinierte und abgebrühte Sektionsleiter Jesra, verhindert das.
Tatsächlich zeigt der von Jesra beantragte Zugriff auf das Gedankenstromarchiv der "Schutzengelzentrale", dass der scheinbar so harmlose, vom Unfalltod bedrohte Passant drauf und dran war, ein abscheuliches Verbrechen zu begehen: den Missbrauch und die anschließende Ermordung einer Minderjährigen. Und auch das zweite Unfallopfer, eine von christlichem Fundamentalismus verblendete 17-jährige Schülerin, ist gar nicht so unschuldig, wie es scheint: Sie plant nichts Geringeres als einen mörderischen Anschlag auf ein muslimisches Gebetshaus - von dort kommen ja schließlich alle Übel.
Um den Reigen dieser menschlichen Abgründe zu schließen, stirbt bei diesem doch nicht verhinderten Unfall auch noch ein junger, fanatischer Moslem, der einen Anschlag auf eine Konzerthalle plant. Aber zu guter letzt gibt es da doch noch ein Unfallopfer: eine scheinbar unheilbar kranke junge Frau, die wie durch ein Wunder durch diese Tragödie gerettet wird, der ihr diagnostizierte unheilbare Gehirntumor heilt ab, sie lernt im Spital einen Pfleger kennen und gründet mit ihm eine glückliche Familie - bis 18 Jahre später... aber um alles kann sich die Schutzengelabteilung Wiental wieder auch nicht kümmern.
In augenzwinkernder Weise diskutiert der Wiener Autor Reinhold Schrappeneder in diesem Hörstück die Frage, ob die Rettung scheinbar Unschuldiger in jedem Fall wünschenswert ist - es könnte ja immerhin auch sein, dass größere Katastrophen vermieden werden können, wenn die kleineren von der göttlichen Vorhersehung zugelassen werden.
Dem Regisseur Nikolaus Scholz ist es gelungen, für diese zutiefst wienerisch angehauchte Tragikomödie Helmut Berger, Wolfgang Böck und Fritz Hammel als verbeamtete Mitarbeiter in der Schutzengelabteilung "Filiale Wien" mit geregeltem Dienst zu gewinnen. Und auch die Rollen des potenziellen Attentäters und des verhinderten Mörders sind mit Michael Dangl und Hermann Schmid prominent besetzt.
Reinhold Schrappeneder wurde 1949 in Wiener Neustadt geboren. Sein Studium der Germanistik und Anglistik absolvierte er an der Universität Wien, wo er bis heute lebt. Neben seinem "Brotberuf" als Lehrer an einem renommierten Wiener Gymnasium, kann er auf zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien verweisen. Er verfasste mehrere Beiträge für den ORF und ist Mitglied der Jura-Soyfer-Gesellschaft, der Grazer Autorenversammlung, sowie der Österreichischen Dramatikervereinigung.
Für seine literarische Tätigkeit erhielt Reinhold Schrappeneder mehrere Literaturpreise.
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