Lilly Lieser und Arnold Schönberg

Lilly Lieser war Schönbergs Mäzenin, sie gab ihm eine Wohnung, eine monatliche Apanage und ein kostbares Harmonium, organisierte Konzerte und legte Fürsprache im Ministerium für ihn ein. In die Musikgeschichte durfte sie trotzdem nicht eingehen.

Hochverehrter Herr Schönberg!
Und nun möchte ich Sie bitten, mir die Ehre zu erweisen, während Ihres Wiener Aufenthaltes mit Ihrer lieben Frau bei mir zu wohnen. Da Sie, hochverehrter Herr Schönberg, mich wenig kennen, möchte ich hinzufügen, dass es in meinem Hause selbstverständlich ist, dass Ihnen jede Störung, jeder Lärm ferngehalten wird und durch die Zimmereinteilung auch leicht einhalten lässt. Ich werde jederzeit bereit sein, mit größter Freude alles zu thun, was Ihr persönliches Freigefühl und Wohlbefinden betrifft, aber mehr noch darauf bedacht sein, dass es durch nichts beeinträchtigt und beengt werde.
Mit warmen Grüßen Ihre Lilly Lieser


So beginnt die Geschichte einer Beziehung, eine Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen Komponist und Mäzenin. Bislang war sie - die Frau und die Geschichte - eine Fußnote der Musikgeschichte, keineswegs unbekannt, jedoch so wenig bedeutend eingeschätzt, dass selbst ihr beider Briefwechsel mit Schönberg unediert im Wiener Arnold-Schönberg-Center liegen blieb.

Großzügige Apanage

Und doch - was Lilly Lieser alles für Schönberg tat: Sie gab ihm ihr Haus in der Gloriettegasse, gewährte ihm eine großzügige monatliche Apanage, sorgte für ein Klavier und all jene Annehmlichkeiten, die der sensible Komponist und seine Familie gern in Anspruch nahmen. Vom Sommeraufenthalt in ihrem Landhaus in Breitenstein am Semmering bis zur finanziellen Übersiedlungshilfe kam sie für alles auf. Sie sprach für ihn im Ministerium vor, sie setzte sich für seine Konzerte ein - trotzdem hat sie niemand noch Produzentin oder Agentin genannt.

Sie versicherte Schönberg ergebenst ihrer Wertschätzung, bekundete die Ehre, ihn bei sich zu beherbergen, sie erwartete keine Gegenleistung. In die Musikgeschichte, in seine Geschichte, durfte sie trotz aller gegebenen Wohltaten nicht eingehen. Auch wenn von einer pianistischen Ausbildung nichts überliefert ist, beweisen ihre Briefe Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Arbeit des Komponisten.

Deportation nach Riga

Wer war diese Lilly Lieser, Industriellengattin des ersten Seilwarenfabrikanten in Pöchlarn, deren Biografie sich vor allem in Listen von dem erschließt, was ihr entwendet wurde? Der Akt im Staatsarchiv vermerkt als "vermuteten Todestag: hat den 8. Mai 1945 nicht überlebt." Bevor sie am 11. Jänner 1942 nach Riga deportiert wurde, zuvor schon horrender Summen für die Reichsfluchtsteuer beraubt, wurde ihr noch alles genommen: drei damals noch vorhandene Liegenschaften - das Haus in der Argentinierstraße 20, eine Waldparzelle in Mönichkirchen, das Landhaus in Breitenstein, wo sogar das Inventar von den Nazis geraubt wurde - nicht ohne alles zuvor verlistet zu haben. Jeder Teppich, jedes Schmuckstück ist in der Raubdokumentation der Nazis beschrieben.

Seit 1938 musste sie sich Henriette Amalie Sara Lieser nennen, ihre Aktiendepots mit Anteilen von Humanic bis Hutter&Schrantz, Donau-Dampfer-Aktien und Stammaktien von der Schweizer Maschinenfabrik Winterthur und mit Lemberger Naphta-Scheinen wurden eingezogen.

Freundin Alma Mahlers
Noch fand sich kein Bild von ihr - so soll ein akustisches entstehen. Wie soll ich sie mir vorstellen? Eine luxuriös gekleidete, vielleicht exzentrische Frau, Freundin Alma Mahlers, der sie Beistand bei deren Fehlgeburten und Beziehungskrisen leistete. Sie war Nachbarin Almas am Semmering - wo sie in die Gesellschaft eingeführt und wohl auch zu mäzenatischem Wirken verführt wurde.

Schon Gustav Mahler spricht, also schreibt von ihr, Alexander Zemlinsky ist der erste, dem Schönberg von der spontanen Übersiedlung ins Hietzinger Haus der Lilly Lieser erzählt. Sie war früh verwitwet, Mutter zweier Töchter, die ihr Leben glücklicherweise retten konnten.

Schönbergs letzter Brief
Und nun frage ich Sie, gnädige Frau, warum sind Sie so gegen mich? Muss das sein? Sie haben so viel Gutes an mir und den Meinen getan, dass ich das gerne nur vergessen wollte. Warum kommt dann immer etwas, was meine dankbaren Gefühle ins Schwanken bringen muss.

In diesem Ton entwirft Schönberg seinen letzten Brief an sie, bevor er, der sich missverstanden und zu wenig unterstützt sieht, nach Mödling zieht. An Zemlinsky schreibt er 1917:

Denn erstens ist bei Frau Lieser bestimmt nichts zu machen, weil (wir fühlten, wir wussten es sogar schon längst) ihr das zuviel ist, was sie für mich tut, obwohl sie 20 Millionen hat und ich wahrscheinlich ihre einzige derartige Budgetpost bin. Sie ist von märchenhaftem Geiz und Schmutz.

Späte Aufarbeitung
Geht die Geschichte doch noch gut aus, geht irgendwas an der Geschichte gut aus? Im Jahre 1963 schließen die beiden Töchter Dr. Helene Berger und Anni Becker nach dem deutschen Rückerstattungsgesetz mit dem Deutschen Reich einen Vergleich. Sie erhalten wegen der entzogenen Aktien im Wertpapierbereinigungsverfahren Schatzanweisungen und Teilschuldverschreibungen zugesprochen.

Sie sterben beide kinderlos, es blieb nachfolgenden Musikwissenschafterinnen vorbehalten, die Verdienste ihrer Mutter in die Geschichte einzuschreiben - was hiermit geschieht.

Hör-Tipp
Tonspuren, Freitag, 7. März 2008, 22:15 Uhr