Abhanden gekommen

Mehr als 50 Jahre hatte die Musikwissenschaft danach gesucht - im Jahre 2000 lag es plötzlich bei Sotheby's zur Versteigerung: Das Autograph des Mahlerliedes "Ich bin der Welt abhanden gekommen". Über Enteignungen und unbearbeitete Vergangenheit.

Gustav Mahler fuhr gerne Zug. Als er eines Tages auf dem Weg vom Salzkammergut nach Wien war, wurde er von einem Mitreisenden angesprochen. Ob er nicht der berühmte Dirigent Gustav Mahler sei? Ja, Gustav Mahler sei er, Dirigent auch - aber berühmt? Doch doch, sagte der Mitreisende, berühmt. Gustav Mahler war ein zurückhaltender Mensch. Und doch hatte er nicht unrecht mit seinen Bedenken: 1904 - und im Jahre 1904 spielt diese Begebenheit - war er tatsächlich keine Berühmtheit.

So kam man ins Gespräch...

Mahler verschenkte Autograph

Ob er wohl an einer kleinen Liedkomposition von ihm, Gustav Mahler, interessiert sei? Eine Rückert-Vertonung für Klavier und Singstimme. Das sei zuviel der Ehre, sagte die Reisebekanntschaft. Nein nein, sagte Gustav Mahler, nehmen Sie, ich habe noch eine Abschrift für die Orchesterfassung. Er holte aus einem Lederfutteral ein Manuskript heraus und schenkte es fort.

Am Westbahnhof angekommen, schüttelten die beiden Männer sich die Hände und tauchten ein in die Nacht. Mahler verschwand Richtung Norden. Er wollte noch rasch bei einer Abendgesellschaft vorbeischauen, die sein alter Freund, der Musikwissenschafter Prof. Dr. Guido Adler gab. Wohin die Reisebekanntschaft verschwand, ist unbekannt. Mit ihm jedenfalls verschwand die Handschrift der Klavierpartitur des Liedes "Ich bin der Welt abhanden gekommen". Und sie ward nicht mehr gesehen.

Das Schicksal von Adlers Bibliothek

Auch das andere Manuskript des Liedes, das der Orchesterfassung, verschwand 37 Jahre später. Unter unklareren Umständen allerdings. Denn verschenkt wurde das Autograph sicherlich nicht. Der legitime Besitzer des Mahlerautographs, der jüdische Gelehrte und Musikwissenschafter Guido Adler, starb 1941, und kaum war er gestorben, kamen die Geier, um seine berühmte und wertvolle Bibliothek zu fleddern.

Ein "Abwesenheitsprokurator" namens Dr. Richard Heiserer senior wurde von Staats wegen eingesetzt, und auch das musikwissenschaftliche Institut der Universität Wien unter Direktor Prof. Dr. Erich Schenk hatte ein Auge auf die Hinterlassenschaft Guido Adlers geworfen...

In alle Himmelsrichtungen verstreut

Die Folge: Die Bibliothek wurde in alle Himmelsrichtungen verstreut. Als nach 1945 der in die USA emigrierte Sohn Guido Adlers die Bibliothek nach langen Briefwechseln und Anstrengungen zurückerhielt, musste er feststellen: Die wertvollsten Teile fehlten. Darunter das Autograph von "Ich bin der Welt abhanden gekommen" (mit der Widmung "Meinem theuren Freund Guido Adler, der mir nie abhanden kommen möge, als ein Andenken an seinen 50. Geburtstag 1905").

Es tauchte erst im Jahre 2000 wieder auf - beim Auktionshaus Sotheby's, zur Versteigerung eingereicht von einem Mann namens Dr. Richard Heiserer junior, dem Sohn des vormaligen Abwesenheitsprokurators von Guido Adler. Heiserer junior sagt, er habe von den zwielichtigen Tätigkeiten seines Vaters während des Nationalsozialismus nichts gewusst.

Erbe recherchierte

Adlers Enkel und Erbe, der amerikanische Staatsbürger Tom Adler, erfuhr vom geplanten Verkauf bei Sotheby's. Und er begann zu recherchieren. Nach diesen Recherchen spricht vieles gegen Heiserer senior und dafür, dass er es war, der mit Hilfe des musikwissenschaftlichen Instituts Teile des Adler-Nachlasses an sich gebracht hat.

Aber Heiserer junior will es nicht wahrhaben. Bis heute weigert er sich, in Betracht zu ziehen, dass beim Vorgang um die Abwicklung der Adler'schen Hinterlassenschaft etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte.

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