China aus der Sicht des "Titanic"-Redakteurs

Allein unter 1,3 Milliarden

Wie kommen die Menschen mit dem Wandel zurecht, der das Land erfasst hat? Oder boomen nur die Städte und das Land darbt wie in den Jahrzehnten zuvor? Mit diesen und anderen Fragen im Hinterkopf bereiste Christian Y. Schmidt das Riesenreich China.

Am Anfang des Unternehmens stand ein neugieriger Müllmann. Mehrmals am Tag fragte er den deutschen Journalisten, was er eigentlich in China mache. Und Christian Y. Schmidt wusste keine passende Antwort. Zwei Jahre lebte er zu diesem Zeitpunkt schon mit seiner chinesischen Frau in Peking, sprach ein bisschen die Landessprache, aber seinem ursprünglichen Ziel, China und die Chinesen besser zu verstehen, war er noch immer nicht näher gekommen.

Um das zu ändern, beschließt der Autor, die Nationalstraße 318, die das Riesenreich auf einer Länge von 5.386 Kilometern vom Gelben Meer im Osten bis zu den Hängen des Himalaya im Westen durchzieht, zu befahren.

Damit es garantiert eine echte chinesische Reise wird, habe ich mir vorgenommen, die Strecke alleine zu bereisen, in normalen Überlandbussen. Allerdings habe ich ein bisschen Schiss. Ich bin bisher noch nie alleine in China gereist, sondern immer nur zusammen mit meiner Frau. Sie hat mir alles abgenommen: Ticket kaufen, nach dem Weg fragen, Speisekarten lesen.

Echte Chinesen in echter chinesischer Umgebung

Das Abenteuer beginnt in Shanghai und es beginnt sehr untypisch: In der Metropole trifft der Autor einen alten Bekannten aus Deutschland. Dieser schleppt den Reisenden von einer Party zur nächsten, von einer Kunstausstellung deutscher Künstler hin zu einem amerikanischen rappenden Professor.

Bald hat Christian Y. Schmidt von den westlichen Ausländern genug. Schließlich will er echte Chinesen in echter chinesischer Umgebung sehen. Und so geht die Reise dann wirklich los. Schnell schon verändert sich China. Von der Glitzerwelt ist nichts mehr zu bemerken. Und außerhalb der Großstädte gelten westliche Ausländer noch immer als Sehenswürdigkeit. Vor allem, wenn sie alleine in Überlandbussen reisen.

Im Bus herrscht gute Stimmung. Besonders prächtig amüsiert sich ein Mann um die vierzig zwei Reihen vor mir. Er hat sich aber auch ein hochinteressantes Spaßobjekt angeguckt: mich nämlich. Er schaut die ganze Zeit nach hinten und starrt mich ungläubig staunend an. Er lacht auch immer und äfft mein Chinesisch nach, wenn ich meinem Sitznachbarn eine Antwort gebe.

Der Reisende aus dem "Tugendland"

Zwischen 15 und 19 Jahren war Schmidt glühender Maoist, schwärmte für die Kulturrevolution und wollte unbedingt Chinese sein. Wenn es um den "Großen Vorsitzenden Mao" geht, kann niemand ihm etwas vormachen. Das führt zu seltsamen Begebenheiten. Wenn der Reisende seinem chinesischen Führer zum Beispiel erklärt, dass er in die deutsche Bundeswehr eingetreten ist, weil die deutschen Maoisten glaubten, so die eigene Armee stärken und einen dritten Weltkrieg verhindern zu können, erklärt der junge Chinese lapidar, er glaube nicht an den Kommunismus sondern nur an das Gute im Menschen.

Die Deutschen sind in China hoch angesehen. Sie gelten als zuverlässig und tüchtig und im Chinesischen wird Deutschland gerne als "Tugendland" bezeichnet. Dass die Begeisterung mitunter seltsame Formen annehmen kann, zeigt sich in Yingshan.

Der zweite Mensch, der in Yingshan mit mir spricht, benutzt sogar zwei deutsche Wörter. Er ist ein sonnenbebrillter Mopedfahrer. Als er mich sieht, steigt er sofort ab und gibt mir die Hand wie einem alten Bekannten. "Aus welchem Land kommst du" - "Tugendland" antworte ich wie immer ehrlich. Da reißt der Mann den rechten Arm hoch und ruft freudestrahlend: "Cheil Xitele". Auch wenn man das kaum versteht, soll das "Heil Hitler" heißen. Ich zeige ihm instinktiv den Vogel. Das ist vielleicht nicht besonders schlau, denn damit, so habe ich gelesen, bescheinigt man in China seinem Gegenüber besondere Intelligenz.

Politik nur am Rande

Christian Y. Schmidts Buch "Allein unter 1,3 Milliarden" ist eine äußerst unterhaltsame Lektüre. Eine absurde Situation reiht sich an die nächste, und China erscheint hier wirklich als das große fremde Land, das es ist, sobald man die Metropolen verlässt. Der ehemalige "Titanic"-Redakteur Schmidt, der an sich in Peking lebt und für das Satiremagazin "Titanic" "Bliefe von dlüben" verfasst, lässt Massagen chinesischer Ringerinnen über sich ergehen, muss sich mit der überbordenden chinesischen Bürokratie herumschlagen und geht sogar mit Chinesinnen shoppen - das wohl schlimmste Ereignis der 90-tägigen Reise.

Politik spielt in diesem Reisebericht so gut wie keine Rolle, außer wenn es nach Tibet geht. Da muss der Reisende lange warten, bis er endlich in die Region einreisen darf. Und lange, bis ihm wieder gestattet wird, aus Lhasa abzureisen, denn die Proteste westlicher Aktivisten gegen die Tibetpolitik und gegen die olympischen Spiele haben die chinesische Zentralregierung nervös gemacht. Für den Autor ist das natürlich lästig. Schmidt gibt die Schuld an der Verzögerung nicht der Regierung, sondern den Demonstranten. Müssen sie gerade dann aktiv werden, wenn er reisen will?

Auch für den Dalai Lama, der ja in Deutschland als einer der beliebtesten und geachtetsten Persönlichkeiten der Welt gilt, hat Schmidt nur wenige Sympathien. Diese Einstellung kann man nun teilen oder auch nicht, man sollte sich deshalb aber keineswegs diese Lektüre entgehen lassen, denn bei dieser chinesischen Reise von Shanghai nach Kathmandu lernt man sehr viel über das Land - ohne dafür Schweinepenisse essen, sich mit Kakerlaken herumschlagen oder deutsche Pauschaltouristen am Fuße des Mount Everest treffen zu müssen.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Christian Y. Schmidt, "Allein unter 1,3 Milliarden", Rowohlt Berlin