Machismo ist noch lange nicht tot!

Den einen gilt Kuba als letzte Bastion des Sozialismus, den anderen als begehrtes Ziel für Sextouristen. Monika Krause-Fuchs hat 30 Jahre lang in Kuba gelebt und die realen Verhältnisse hautnah miterlebt. In ihrem Buch beschreibt sie ihre Erfahrungen.

Drei Jahrzehnte lang lebte Monika Krause-Fuchs in Kuba. Im Auftrag der Regierung versuchte sie, die Bevölkerung über Sexualität und Empfängnisverhütung aufzuklären. Geboren wurde Monika Krause 1941 in Mecklenburg. Während ihres Studiums der Lateinamerikanistik in Rostock lernt sie ihren zukünftigen Mann kennen. Mit dem gebürtigen Spanier, der in Havanna aufwuchs, geht sie nach ihrer Heirat nach Kuba.

"Ich bin nach Kuba gegangen voller Illusionen, bereit, mitzuwirken an dem Werk der Revolution", erzählt Krause-Fuchs im Gespräch. "Ich erinnere mich, dass Anfang 1962, als ich da hinkam, man frei weg von der Leber reden konnte. Man konnte kritisieren. Ich meine, man durfte sich nicht auf die Straße stellen und schreien, 'Fidel ist doof', aber man konnte tatsächlich viel kritisieren, was in der DDR zu der Zeit damals, kurz nach dem Mauerbau, überhaupt nicht möglich war. Das hat sich im Lauf der Jahre sehr, sehr, sehr verändert und ins Gegenteil gekehrt."

Befriedigung für Männer, Verhütung für Frauen

Zunächst sieht alles rosig aus. Die Fremdsprachenkenntnisse von Monika Krause sind gefragt. Vilma Espin, Schwägerin von Fidel und Frau des jetzigen Regierungschefs Raoul Castro, beschäftigt die Deutsche als Dolmetscherin. Sie ernennt sie sogar zur Leiterin der Europaabteilung der Kubanischen Frauenföderation.

In den späten 1970er Jahren wird Monika Krause Leiterin des Nationalen Zentrums für Sexualerziehung. Sie soll ein landesweites Konzept zur Aufklärung und Familienplanung entwerfen und durchführen, denn im Sextourismusparadies Kuba ist das Thema Sex Tabu. Sexuelle Befriedigung ist ein Privileg der Männer, Verhütung die Sache der Frauen.

Krause-Fuchs erzählt ein Erlebnis aus dieser Zeit: "Ein junger Mann, der in einer Hand ein gerade von mir veröffentlichtes Buch hatte, in dem geschrieben stand, dass Frauen auch Lust an Sex haben können, war von seiner Frau verlassen worden, weil sie es satt hatte, von ihm benutzt zu werden und nichts davon zu haben. Und der beschuldigte mich, ich sei schuldig, dass jetzt auf einmal so viele Frauen sich scheiden lassen. Ich habe es mit Müh und Not geschafft, ihn zu beruhigen."

In ihrem Buch schildert Monika Krause-Fuchs viele solcher Begegnungen, die sie allen Widerständen zum Trotz immer wieder zum Weitermachen motivierten. Beim Lesen spürt man: Die Autorin liebt das Land wie auch ihre Arbeit. Sie setzt dabei auf ein Zusammenspiel aller gesellschaftlichen Kräfte - von Ärzten, Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Juristen und den Medien. Bald gibt es überall auf der Insel Beratungsstellen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt ihr Konzept als beispielhaft für die Dritte Welt.

Verhüten statt abtreiben

Monika Krauses besonderes Augenmerk gilt der Aufklärung der jungen Generation. "Ab 1971 war der Beschluss gefasst worden, dass alle Teenager bis zum Abitur in Internatsschulen kommen sollten", so Krause-Fuchs. "Und mit dieser Einrichtung begann eine sprunghafte Entwicklung der Teenagerschwangerschaften. Man muss sich vorstellen, in so einer Schule sind 600 Jungen und Mädchen zusammen gewürfelt. Sie schlafen in verschiedenen Schlafräumen, aber das ist auch die einzige Trennung."

Viele der ungewollten Schwangerschaften werden abgebrochen. Abtreibung wird im ganzen Land zum bevorzugten Mittel der Familienplanung. Monika Krause will dies ändern. Verhüten statt abtreiben, ist ihre Devise. Von Frauen und Mädchen erhält sie dafür viele Dankesbekundungen. Von offizieller Seite werden die finanziellen Mittel für ihr Programm mehr und mehr gekürzt.

Einsatz für Homosexuelle

Die Situation spitzt sich zu, als Monika Krause beginnt, sich auch für die Rechte von Homosexuellen einzusetzen. In den 1960er Jahren gab es in Kuba Arbeitslager, in denen Homosexuelle von ihrer angeblichen Perversion befreit werden sollten. 20 Jahre später werden sie noch immer diskriminiert, öffentlich denunziert und von vielen akademischen Berufen ausgeschlossen. Monika Krause wagt es, diese Praxis in einem Zeitungsinterview anzuprangern.

Sie ruft damit die Jugendorganisation des Landes auf den Plan, die die Pflicht hatten, jedes Jahr Kritik- und Selbstkritikversammlungen durchzuführen, "und jeder Mann, jede Frau musste da aussagen, ob er oder sie Homo ist", erzählt Krause-Fuchs. "Die Jugendorganisation war durch diesen Artikel in Konflikt geraten, denn einerseits steht da, sie sind nicht schuld an ihrer homosexuellen Kondition, und andererseits wurden sie verdammt und ausgeschlossen und verunglimpft. Und sie verlangten vom Ersten des Landes, von Fidel, eine klare Position, was sollen wir jetzt machen?"

Monika Krause wird beauftragt, ein Positionspapier zu erstellen. Die Regierung gibt daraufhin grünes Licht, die Bevölkerung über Homosexualität aufzuklären und Betroffene nicht länger zu diskriminieren. Trotzdem fühlt sich Monika Krause nicht mehr sicher. "Ich hatte ja schon seit langem die Spielregeln sehr häufig übertreten. Ich habe fast immer die Unterstützung von Vilma Espin dafür bekommen. Aber ich habe mich sehr häufig gefragt, wie lange wird sie in der Lage sein, mich zu schützen? Denn Feinde hatten wir genug, mehr als genug."

Kaum veränderte Verhältnisse

Ende 1990 verlässt Monika Krause mit ihren beiden Söhnen Kuba. Ihr Mann bleibt zurück, die Ehe ist nach 27 Jahren zerrüttet. Mit ihrem zweiten Mann lebt Monika Krause-Fuchs heute als Pensionistin in der Nähe von Flensburg. Über Freunde und Verwandte auf der Insel weiß sie allerdings: Die Verhältnisse dort sind im Wesentlichen unverändert. Ihr Buch ist daher weiter aktuell, obwohl es mit ihrer Ausreise aus Kuba endet.

Zwölf Jahre lang lag das Manuskript in einer Schublade, bevor Monika Krause-Fuchs beschloss, es mit finanzieller Selbstbeteilung doch noch zu veröffentlichten. Nach Kuba ist sie bis heute nicht zurückgekehrt.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Monika Krause-Fuchs, "Machismo ist noch lange nicht tot! Kuba: Sexualität im Umbruch", Projekte-Verlag