Jörg Martin Willnauers "Streng fui"

Jörg Martin Willnauers aktuelles Programm heißt "Streng fui". Bunt gemischt ist da sein Angebot an Kalauern, kabarettistischen Firmenhymnen und sozialkritischen Anmerkungen zur Vollbeschäftigung und zum sozialen Bewusstsein unserer Gesellschaft.

Ananas aus Alaska

Jörg Martin Willnauer, den Pastorensohn aus Heidelberg mit durchaus selbstkritischen Einsichten zu Genialität und Mittelmaß, hat ein Musikstudium schon vor Jahrzehnten nach Graz verschlagen. Seither lebt er in der steirischen Hauptstadt und ist stets rührig. Erst kürzlich hatte er in der Wiener Kulisse Premiere mit seinem zehnten Soloprogramm "Streng fui" und arbeitet bereits am elften "Intermotzo", das den Arbeitstitel "Der fidele Sumosinger - schwere Kunst und leichte Lieder" trägt. "Intermotzo" wird er schon am 2. September 2008 im Grazer Theatercafé präsentieren.

Im "Gemischtwarenladen Kabarett"

Jörg Martin Willnauer, der nicht nur als Kabarettist, sondern auch als Fotograf, Radiomoderator, Schauspieler und Komponist in Erscheinung tritt, hat sich von Anfang an dem klassischen Nummernkabarett verschrieben, dazu steht er - auch heute noch, nach mehr als 20 Jahren Kleinkunstkarriere.

Im "Gemischtwarenladen Kabarett" wie er selbst sagt, hat sich Jörg Martin Willnauer überdies in gewisser Weise in die Tradition der Klavier-Humoristen eingereiht. Da liegt auch seine Stärke. Das Klavier - auch wenn es in der Wiener Kulisse nur ein E-Piano war - beherrscht er ausgezeichnet, man spürt die fundierte Ausbildung. Immerhin hat er Komposition bei Ivan Eröd studiert und an Workshops bei Lauren Newton und Bobby McFerrin teilgenommen.

Schlager umgedichtet

Bei der Musikpersiflage ist er in seinem Element: Die Lieder, Schlager und Songs und deren von Willnauer umgedichteten Texte kommen leichtfüßig daher - auch wenn sie die Krisen unseres Planeten Erde zum Inhalt haben. Jörg Martin Willnauer nimmt nicht nur Anleihen bei Udo Jürgens' Liedgut, sondern dreht auch Herbert Grönemeyer das Wort im Mund um, wenn er seinen durchaus bösartigen Anti-Kindersong zum Besten gibt. Denkt man die Fassung des Kabarettisten zu Ende, dann will man lieber gar keine Kinder mehr auf dieser Welt wissen.

Dem stets zu kurz gekommenen Tischler aus Nazareth, der für die Josefslegende verantwortlich ist, hat Willnauer sein ganz persönliches "Ave Josef" gewidmet und eine Marktlücke hat der Kabarettist auch aufgetan: Um die Firmenzugehörigkeit der Mitarbeiter zu verstärken, schreibt er für Bestattungsunternehmen, Konzerne, Gleichbehandlungskommissionen und auch die Staatspolizei die jeweils passende Firmenhymne und bei Bedarf auch Protestsongs.

Stilblüten fotografisch festgehalten

Wortspiele haben es Jörg Martin Willnauer immer schon angetan und ganz besonders Stilblüten, die er überall im Land auf Ortstafeln, Reklameschildern und Plakaten aufspürt, fotografisch verewigt und dann auf Bildtafeln dem Publikum vor führt. Da bekommt man zum Beispiel ein Schild mit der Aufschrift "Zufahrt zum Standesamt auch über die Sackgasse" zu lesen. Wohl nur die Bewohner von Graz erkennen den versteckten Sinn dieser Botschaft.

Viele dieser Fotografien sind in zwei Büchern "Österreich in Wort und Schild", und "Steiermark in Wort und Schild" erschienen. Außerdem hat der Kabarettist den Katalog der "Heiligen Dinge" erstellt: Dieser beginnt bei St. Eiermark, beinhaltet auch den St. Ammtisch und endet bei St. Umpfsinn.

Jörg Martin Willnauer ist in gewisser Weise Sprachpolizist und Phrasendrescherei ist ihm ein Gräuel. Sinnentleerte Grußformeln wie "Mahlzeit" oder "Grüß Gott" werden genau geprüft. Schließlich nimmt sich der Kabarettist auch die Esoterik vor und führt die weit verbreitete Astrologiegläubigkeit gnadenlos ad absurdum.

Gar nicht so ferne Visionen

Bunt gemischt ist das Angebot an Kalauern, kabarettistischen Firmenhymnen und sozialkritischen Anmerkungen zur Vollbeschäftigung und zum oft mangelhaften sozialen Bewusstsein unserer Gesellschaft. Jörg Martin Willnauer stinkt so manches in Lande, besonders aber Doppelmoral und soziale Härte.

Schließlich gelingt ihm ein berührender Monolog eines eigentlich schon Verstorbenen. Für den Alten war kein Platz mehr im eigenen Haus, so wurde er kurzerhand in die Seniorenklappe abgeschoben - eine traurige Vision, die angesichts der laufenden Pflegedebatte gar nicht mehr so fern scheint.

Hör-Tipp
Contra, Sonntag, 24. August 2008, 22:05 Uhr

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