Shanghai fern von wo

Shanghai am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: Für Tausende Juden ist es das letzte Schlupfloch, um den Nationalsozialisten zu entkommen. Ursula Krechel verwebt einige Schicksale dieser Menschen zu einem nahegehenden Roman.

Es gibt (in Shanghai) kein Geschäft, das nicht möglich wäre. Mit alten abgebrannten Streichhölzern habe ich einen Chinesen an der Ecke stehen und handeln sehen. Und es gab auch welche, die ihm die Hölzer abkauften.

Ludwig Lazarus ist einer von 18.000 jüdischen Emigranten, die ab 1938 den letzten Ausweg aus der Nazihölle nehmen. Die internationale Stadt Shanghai, ein exterritorialer Welthafen mit britischen und französischen Niederlassungen, ist zu diesem Zeitpunkt bereits überfüllt mit chinesischen Flüchtlingen aus den japanisch-chinesischen Kämpfen und russischen Flüchtlingen aus der Oktoberrevolution. Ein Ort der Enge und der bitteren Armut, in dem sich nun mitteleuropäische Anwaltsgattinnen, Buchhändler, Kunsthistoriker und Uhrmacher täglich im feucht-heißen Klima neu erfinden müssen, um den Überlebenskampf zu bestehen.

Mit den erlaubten 10 Reichsmark in der Tasche, traumatisiert von KZ-Aufenthalten, Fluchtstrapazen und dem Verlust von Angehörigen, ist den Neuankömmlingen keine Verschnaufpause gegönnt. Sofort müssen sie sich im völlig fremden Leben der Stadt einrichten, eine Verdienstmöglichkeit finden, einen Platz zum Wohnen. Mit nichts, aus nichts.

Zusammengeführte Lebenslinien

Jede Fähigkeit wird zur Ware. Jede Kleinigkeit zum Tauschobjekt. Ein paar Karlsbader Lederhandschuhe dienen als Grundlage eines Geschäfts, ein paar Kochrezepte als Grundlage eines Berufs, man handelt mit dem Wenigen, das man retten konnte und man handelt mit Informationen - wie Ludwig Lazarus, Buchhändler aus Berlin, findiger Überlebenskünstler und "ein guter Erzähler", wie er sich selbst beschreibt.

Seine Erinnerungen, aufgezeichnet auf Tonbändern, sind Grundlage der Erzählung und auch immer wieder der Knotenpunkt, in dem die Lebenslinien anderer Emigranten zusammenlaufen. Wie jene Franziska Tausigs, Anwaltsfrau aus Wien, die sich als Köchin und Bäckerin durchbringt und ihren Mann an die Tuberkulose verliert. Oder Lothar Brieger, Kunsthistoriker aus Berlin, der verzweifelt und vergeblich versucht, für den Millionär Hardoon von Shanghai aus ein Gemälde von William Turner aufzutreiben. Oder der ostpreußische Uhrmacher und Sozialdemokrat Kronheim, der sein geerbtes Werkzeug über die Emigrationszeit bis nach Israel bringt; die Karlsbaderin Amy Rosenbaum mit ihrem Handschuhgeschäft, die einen Sohn bekommt und ihren Mann verliert; das Ehepaar Nobel, Autoschlosser und Übersetzerin, beide politisch aktive Kommunisten. Aber auch Täter wie der junge, ehrgeizige deutsche Rundfunkattaché, der ein Leben im Kolonialstil genießt und die Reichweite des NS-Radiosenders bis nach Nordamerika und Australien ausbauen will.

In unglaublichem Elend

Man wird in diesem ungeheuer sorgfältig recherchierten Buch ebenso detailreich über die bürokratischen Schikanen des deutschen Konsulats bei der Meldung und Namensgebung eines jüdischen Neugeborenen informiert, wie über die diskrete Beseitigung totgeborener Chinesenkinder. Man erfährt, dass unter dem Einfluss der deutschen Verbündeten die Japaner aus den "stateless refugees" wieder Juden - diesmal mit blauer Emailplakette - machen und im Ghetto 14.000 Menschen auf einige Straßenzüge zusammengepfercht in unbeschreiblichem Elend vegetieren müssen.

Er sah seinen kleinen Sohn draußen spielen. (...) Woher hat er die große Puppe, eine Puppe mit echtem Haar, (...). Es ist keine Puppe. Rosenbaum sieht wieder hin. Es wird ihm schwindlig, Beine, die ihm wegsacken wollen, (...). Er rennt hin zu seinem Sohn, entreißt ihm die Puppe. Die Puppe ist ein totes kleines Kind mit weichen echten Haaren, die Händchen noch nicht starr, mit Lumpen angezogen.

Dichte von Fakten

Ursula Krechel beschreibt den mühseligen Alltag in Shanghai, verwebt dabei den Lebensweg Einzelner mit den großen Verwerfungen der Geschichte. Entlang von wenigen Hauptfiguren und zahlreichen Nebenhandlungen spannt Ursula Krechel ein Panorama auf, das von den utopischen Beziehungsentwürfen im Kreis um Walter Benjamin bis zur Arbeit im Kibbuz des neu gegründeten Staates Israel reicht, vom kommunistischen Widerstand bis zur DDR-Diplomatie, von der Ausreisebürokratie 1938 bis zur Wiedereinreisebürokratie 1945, vom Kampf um Menschenwürde bei der Nahrungssuche in Shanghai bis zum Kampf um Gerechtigkeit im Wirtschaftswunder-Deutschland.

Ursula Krechels Buch besticht unter anderem dadurch, dass seine plastische Atmosphäre hauptsächlich aus der Dichte der Fakten entsteht. Das nicht unheikle Unterfangen, aus einem Reportagestoff einen Roman zu machen, gelingt zum einen durch Offenlegung der Methode - Krechel thematisiert die Problematik von "oral history" ebenso wie die Suche nach der Erzählhaltung. Zum anderen schafft es die Autorin, die richtige Distanz zu ihren Figuren, die aus realen historischen Personen entwickelt wurden, herzustellen. Sie erzählt weder zu identifikatorisch nah noch zu historisch kühl. Man spürt deutlich, was ihrem Erzählen vorausging: aufmerksames und empathisches Zuhören.

"Das Buch der Woche" ist eine Aktion von Ö1 und Die Presse.

Hör-Tipps
Das Buch der Woche, Freitag, 5. September 2008, 16:55 Uhr

Ex libris, Sonntag, 7. September 2008, 18:15 Uhr

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Buch-Tipp
Ursula Krechel, "Shanghai fern von wo", Jung und Jung

Link
Jung und Jung - Shanghai fern von wo