Wissen wer man ist

Grammatik des Ich

Die Identität einer Person ist mit wenigen Daten feststellbar: Name, Geburtstag, Geschlecht. Identität heißt aber auch, dass ein Mensch um seine eigene Unverwechselbarkeit weiß, dass er ein Gefühl für ein inneres Sich-Selbst-Gleichsein hat.

Identität heißt auch, dass ein Mensch weiß, fühlt und bejaht, er selber zu sein. Die Erfahrungen, die wir in unsere Kindheit sammeln, spielen dabei eine zentrale Rolle. Hier besteht ein Spannungsverhältnis zwischen traditionellen Rollenerwartungen einerseits und modernen Familienkonzeptionen andererseits.

Eine intakte Beziehung zu Mutter und Vater ist anzustreben. Ob die Familienkonstellation eine klassische ist, oder Patchwork ist dabei nebensächlich. Auch wenn Kinder heute neben ihren Eltern viele verschiedene Bezugspersonen haben, findet in der Familie doch die intensivste Prägung statt.

Kindheit im Wandel

Heute wird dafür gesorgt, dass es Kinder gut geht. Nicht nur in der Familie, sondern auch auf der Basis des Rechts. Das war nicht immer so. Josef Ehmer, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien, berichtet von einer sehr kurzen Phase der unbeschwerten Kindheit. Jungen Menschen war nur zu Beginn ihres Lebens eine spielerische Zeit vergönnt. Früh schon wurden sie zu Arbeiten herangezogen. Bildung war nicht selbstverständlich. Die Familie musste sich auf den Lebenserhalt konzentrieren. Den Kindern wurde neben Gesundheit, Ernährung und Schutz wenig geboten.

Eine entwicklungsgerechte Förderung wurde vernachlässigt. Individuelle Entfaltung war im Gegensatz zu heute kein Thema. Bis ins 20. Jahrhundert war Kinderarbeit an der Tagesordnung. Kinder arbeiteten in den Familienbetrieben mit, aber auch als Zeitungsverkäufer oder Boten.

Dennoch stellte eine große Kinderschar keine selbstverständliche Altersversorgung dar. Das ist ein Mythos, den die geschichtliche Forschung wiederlegen kann. Die Mobilität der Menschen war schon zu Beginn der Neuzeit sehr hoch. Junge Menschen haben ihr Elternhaus schon früh verlassen, um in anderen Betrieben oder Landwirtschaften zu arbeiten.

Politikfeld Kindheit

Im 20. Jahrhundert verändert sich die politische Wahrnehmung von Kindheit. Die Forderung nach der Etablierung eines eigenständigen Politikfelds hat 1946 zur Gründung des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen geführt. Die Arbeit der UNICEF basiert auf der UN-Kinderrechtskonvention des Jahres 1989, die von allen Staaten - außer von den USA und Somalia - unterzeichnet wurde.

Die Ratifizierung dieser Grundrechte soll die geeigneten staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Heranwachsen von Kindern gewährleisten. Jedem Kind müssen Entwicklungschancen eingeräumt werden, um in die unübersichtliche Welt hineinwachsen zu können.

Trotzdem sind Kinder nach wie vor Opfer von Diskriminierung, Gewaltanwendung und Verlust. Vieles davon bleibt im Verborgenen. Die Möglichkeiten zur Hilfe und Prävention sind dadurch eingeschränkt. Solche traumatischen Ereignisse bringen das Selbstkonzept von Kindern aus dem Gleichgewicht, ihr Verhalten, Erfahren und Erleben wird destabilisiert.

Service

Helmuth Figdor, "Praxis der psychoanalytischen Pädagogik 1 + 2: Vorträge und Aufsätze", Psychosozial-Verl. 2006/2007

Klaus Hurrelmann, "Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung", Juventa-Verlag 2007

Josef Ehmer, "Lebenslauf" IN: "Enzyklopädie der Neuzeit Band 7", Verlag J. B. Metzler 2008

Josef Aigner, "Der ferne Vater. Zur Psychoanalyse von Vatererfahrung, männlicher Entwicklung und negativem Ödipuskomplex", Psychosozial-Verlag 2002

Welt der Kinder
UNICEF - Österreich