Der vergessene Tenor

Gert Lutze blieb dem berühmten Leipziger Thomaner-Chor auch nach seiner Promotion zum Dr. med. treu. Als der Evangelist in der Matthäuspassion ausfiel, sprang Lutze ein und war so erfolgreich, dass er auch international als Bach-Sänger bekannt wurde.

Es ist vielleicht 15 Jahre her, dass mir bei einer Schallplattenauktion buchstäblich der Mund offen blieb. Zwei 25-cm-Langspielplatten der sowjetischen Staatsfirma "Melodiya" erzielten den mir unverständlichen Preis von an die 3.000 Schilling. Was war so interessant an diesen beiden Platten mit Schuberts "Die schöne Müllerin", gesungen von einem Tenor namens Gert Lutze?

Meine Neugier war jedenfalls geweckt, und wenig später schenkte mir ein Freund mit guten Verbindungen nach Moskau diese Aufnahme. Tatsächlich hört man da eine außerordentlich schöne, technisch perfekte Stimme, die vom Timbre her stark an den jungen Walther Ludwig erinnert.

Erfolgreicher Einspringer

Doch alles was ich über ihn erfahren konnte, stammte aus dem Sängerlexikon von Kutsch-Riemens:

Gert Lutze, geboren am 30. September 1917 in Leipzig, Dr. med., seit 1928 Mitglied im Thomanerchor, wo er am Karfreitag 1946 völlig überraschend für den erkrankten Tenor in Bachs Matthäuspassion eingesprungen ist. Seitdem große Erfolge als Konzertsänger, vor allem in der DDR, aber auch international, ab 1960 in der Bundesrepublik als Hautarzt tätig.

Danach fiel mir noch die eine oder andere Platte mit Lutze in verschiedenen Bach-Werken in die Hände, doch die große Sensation kam erst mit der Übernahme der DDR-Rundfunkbestände in das Deutsche Rundfunkarchiv. Nicht weniger als 365 Einträge finden sich dort mit Gert Lutze, dazu noch weitere 121 unter dem Pseudonym Charles Geerd, denn Unterhaltungsmusik wollte der renommierte Bach-Interpret offenbar nicht unter seinem wirklichen Namen aufnehmen. Grob geschätzt hat Lutze in nur 14 Jahren - zwischen 1946 und 1960 - also annähernd genau so viele Aufnahmen eingespielt wie zum Beispiel der etwa gleichaltrige Rudolf Schock in vier Karrierejahrzehnten.

Unglaubliche Vielseitigkeit

Neben vielen Bach-Einspielungen gibt es da eine ganze Reihe von kompletten Opern und Operetten, Oratorien, Lieder, Schlager - die Vielseitigkeit dieses Künstlers scheint geradezu unglaublich. Als ich im Vorjahr dann erstmals eine der sozusagen wiederentdeckten Lutze-Aufnahmen in "Apropos Oper" präsentierte, schaute ich vorher im Deutschen Telefonbuch nach und tatsächlich fand ich dort eine entsprechende Eintragung: Dr. Gert Lutze, Leonberg...

Wenige Minuten später hatte ich ihn auch schon am Telefon: Ja, tatsächlich, es war der einstige DDR-Star, und wie zum Beweis sang er ins Telefon: "Heute Nacht oder nie..." Zweieinhalb Monate später feierte er schließlich bei bester Gesundheit seinen 90. Geburtstag, um nur wenige Wochen später völlig überraschend zu sterben.

Je mehr von seinen vielen Aufnahmen man hört, umso mehr stellt sich die Frage, wie eine solche Stimme fast total in Vergessenheit geraten konnte? Gibt es hier vielleicht noch ein Geheimnis zu lüften?

Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 30. Dezember 2008, 15:06 Uhr