Alle sieben Wellen

Mit dem abrupten Ende von Daniel Glattauers vorigem E-Mail-Roman "Gut gegen Nordwind" wollten sich viele Leser nicht zufrieden geben. Nun hat sich Glattauer aufgerafft, eine Fortsetzung der virtuellen Beziehung zwischen Emmi und Leo zu schreiben.

Während literarische Veröffentlichungen im Allgemeinen kurz nach ihrem Erscheinen auch schon den Verkaufs-Zenit erreicht haben, sind Glattauers Bücher Dauerbrenner. Das bisher erfolgreichste Werk des Autors ist der 2006 veröffentlichte E-Mail-Roman "Gut gegen Nordwind". An die 400.000 Exemplare haben bisher ihren Weg zur Leserschaft gefunden und nach der Veröffentlichung des Taschenbuchs im Herbst 2008 werden es noch mehr. Bereitwillig lässt man sich auf den temporeichen modernen Briefroman ein und fiebert mit den beiden Figuren Emmi Rothner und Leo Leike dem emotionalen Showdown entgegen. Zur Erinnerung: Durch einen Irrtum lernen sich Emmi und Leo per E-Mail kennen und lieben - ganz ohne persönliche Begegnung.

Mit E-Mails überschwemmt

Mit dem Ende des Romans "Gut gegen Nordwind" wollten sich viele Leser nicht zufrieden geben. Wegen des abrupten Abbruchs der virtuellen Verbindung zwischen Emmi und Leo durch eine automatisch generierte Fehlermeldung hagelte es Protest-Post an den Autor.

Die E-Mail-Form hat dazu eingeladen, dem Autor ein Email zu schreiben, meint Glattauer. "Am Anfang, als ich noch nicht wusste, welche Dimensionen das bekommt, war meine E-Mail-Adresse zu erfahren, man konnte mir schreiben. Dann ist das immer mehr und mehr geworden, ich komme bei der Beantwortung der Post kaum mehr nach. (...) Der große Prozentsatz sind natürlich Frauen, aber es gibt auch immer wieder Männer, die mir schreiben. Ich glaube nicht, dass es ein reines Frauenbuch ist", so Glattauer im Gespräch.

Emmi und Leo chatten inzwischen schon im Hörbuch und auf der Theaterbühne. Ihr E-Mail-Wechsel ist auch bereits in mehrere Sprachen übersetzt worden.

Welle mit Neuigkeiten

Daniel Glattauer macht jenen, die am Ende von "Gut gegen Nordwind" unglücklich waren, nun die Freude der Fortsetzung mit dem Titel "Alle sieben Wellen". Sechs Wellen, so schreibt Emmi im Roman an Leo, sechs Wellen werden gleichförmig ans Ufer gespült. Die siebente Welle bringt Neues.

"Ich habe zwei, drei Monate probiert, wie das wäre, wenn man die Geschichte fortsetzt", erzählt Glattauer. "Dann habe ich schon gemerkt, es kribbelt schon wieder in den Fingern, sie sind gut durchblutet und irgendwie habe ich großen Spaß daran. Ich kenne die zwei Personen so gut, bin so aufgeregt und es macht mir wahnsinnige Freude, zu verfolgen, was aus ihnen werden könnte. (...) Es wird letztendlich nicht so sein, dass die Leute sagen, ah, da haben sie noch etwas draufsetzen wollen, der Verlag, der Autor, da ist ihnen nichts eingefallen - das glaube ich nicht. Ich bin wirklich guten Mutes."

Re und AW

Am formalen Aufbau ändert sich im Fortsetzungsband nichts. Zeitangaben wie "Eine Minute später", "Drei Stunden später" oder "zwei Tage später" treiben die Handlung weiter und lassen für die Leser das Warten auf Antwort spürbar werden. Ausdrücke wie "Re" und "AW" kennzeichnen die Absender der E-Mails. Die neunzehn Unterkapitel scheinen lediglich deshalb gesetzt, um der Leserschaft eine kurze Verschnaufpause zu gönnen, damit diese nicht völlig dem Leserausch verfällt.

"Wir waren dann bald auf 7.000 verkauften Büchern und das war schön", so Glattauer, "da habe ich schon gewusst, hallo, das geht ja, man kann eh was verkaufen. (...) Kommerzieller Erfolg heißt immer auch, wie viele wollen das? Wie viele Menschen wollen sich diese Bücher kaufen?" (...) Da stellt sich die Frage, womit kann man denn gut verkaufen, welche Themen, welcher Stil? Ich weiß, dass meine Bücher sich gut verkaufen, weil ich sehr leicht schreibe, ich bin kein anstrengender Schriftsteller, das ist zweifelsfrei so."

Rasches Tempo

Daniel Glattauer lässt keine Langeweile aufkommen und peitscht seinen Text mit Windeseile von einem Mail zum nächsten. Das rasche Tempo wird durch das Medium vorgegeben. Im Unterschied zu "Gut gegen Nordwind" bleiben Emmi und Leo in "Alle sieben Wellen" aber nicht im virtuellen Raum. Es kommt zu mehreren persönlichen Treffen.

Sprachlich findet Glattauer immer den richtigen Ton. Emmi schreibt einen anderen Stil als Leo. Im ersten Teil sind die beiden bis kurz vor dem Ende per Sie, ein Formalismus, der dem holländischen Übersetzer Kopfzerbrechen bereitet hat. In "Alle sieben Wellen" duzen Emmi und Leo einander.

Hinaus in die Welt

Die E-Mail-Romanzen sind der bisherige Höhepunkt des schriftstellerischen Oeuvres des 1960 geborenen Daniel Glattauer. Der Weg vom Journalisten zum Autor begann für ihn mit einem Roman, der von mehreren Verlagen abgelehnt wurde und in der Schublade landete. Zum Schreiben nahm Glattauer eine erste Auszeit beim "Standard".

"Meine Eindrücke nach dem halben Jahr Buch-schreiben waren eigentlich entsetzlich", so Glattauer. "Erstens vereinsamt man, man wird immer komischer, man hat nichts als eine erfundene Geschichte im Kopf und alles andere tangiert einen eigentlich nicht. Da habe ich mir gedacht, das will ich mir nicht mehr antun, ich möchte gern fester wieder im Leben stehen und gerade im Journalismus, Tagesaktualität mit den anderen teilen, worüber man reden kann, und worüber man sich Dinge erzählt am Abend."

Das Ende von "Alle sieben Wellen" soll hier natürlich nicht verraten werden. Nur so viel: Einem dritten Teil des Doppelromans muss die Glattauer-Leserschaft wohl nicht entgegenfiebern. Eines ist wohl anzunehmen: Wem "Gut gegen Nordwind" nicht gefallen hat, der sollte besser die Finger vom Fortsetzungsband lassen. Wem hingegen "Gut gegen Nordwind" gefallen hat, dem wird auch "Alle sieben Wellen" gefallen - vielleicht sogar noch besser.

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Buch-Tipp
Daniel Glattauer, "Alle sieben Wellen", Deuticke im Zsolnay Verlag