Landwirtschaft der Fülle

Kaspar Ignaz Simma war zunächst Mitglied des Jungbauernbundes der ÖVP und wurde 1984 schließlich Spitzenkandidat der "Alternativen Liste Österreichs" bei den Vorarlberger Landtagswahlen. Heute ist der Biobauer auf Gemeindeebene politisch aktiv.

Kaspanaze Simma lebt auf seinem Hof in Andelsbuch im Bregenzerwald gemeinsam mit seiner Frau Lucia und seinen fünf Kindern als Selbstversorger. Das Ehepaar Simma bewirtschaftet Grünland mit einer Fläche von acht Hektar, einen Obst- und Gemüsegarten und hält knapp zehn Kühe.

Brasilianische Senner im Bregenzerwald

Das große alte Bauernhaus ist modern eingerichtet, Kaspanaze Simma begrüßt seine Gäste und führt sie in die warme Stube. Seine Frau Lucia und die Kinder sitzen um den Tisch, der rote Kater Garfield räkelt sich und Kaspanaze Simma macht den Vorschlag, doch gemeinsam zum Vorsäß zu gehen, um dort in Ruhe reden zu können. Die Vorsäße - die Mittellage zwischen Tal und Alpe - befinden sich auf zirka 1.000 Meter Seehöhe, hier verbringt der Bauer mit seinem Vieh die Übergangsjahreszeiten. Im Winter sind die Rinder im Tal, im Sommer auf der Hochalpe. Es sei immer schwieriger, Senner für die Gemeinschaftsalpe zu finden, erzählt Kaspanaze Simma, gut bewährt hätten sich junge Männern aus Brasilien, die fallweise jahrelang wieder kommen würden.

Noch immer politisch engagiert

Der 54-jährige Kaspanaze Simma, dessen Vorname eine Bregenzerwälder Namenskürzung von Kaspar Ignaz ist, grüßt die vorbeikommenden Menschen, bleibt stehen, redet kurz mit ihnen und geht wieder weiter. Und beschreibt seine Vorstellung vom Leben im Einklang mit der Natur - alles was der Mensch braucht, sei in der Natur zu finden.

In den 1970er Jahren hat er sich intensiv mit der 68er-Bewegung und alternativen und biologischen Ideen für die Landwirtschaft beschäftigt. Er engagierte sich in der Österreichischen Bergbauernvereinigung, besuchte Kurse der katholischen Sozialakademie und war - wie auch noch heute - auf Gemeindeebene politisch tätig.

Politiker mit langen Haaren

Österreichweit wurde Kaspanaze Simma bekannt, als er 1984 als Spitzenkandidat der Alternativen Liste gemeinsam mit drei Kollegen den Einzug in den Vorarlberger Landtag schaffte. Durch sein unkonventionelles Auftreten - zum Beispiel nimmt er an der Abgelobung mit langen Haaren, Bart und bäuerlicher Kleidung teil - wird er zu einer frühen Symbolfigur der österreichischen Grünbewegung. 1999 scheidet er aus dem Landtag aus.

Kaspanaze Simma geht schnellen Schrittes voran, Zufriedenheit sei nicht materiell zu erringen, sagt er, sondern liege in der Natur und in einem selbst.

Pferde statt Maschinen

Als Kaspanaze Simma in den 1970er Jahren den Hof von den Eltern übernommen hatte, war die Zeit von der Vollmechanisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft geprägt. Für Kaspanaze Simma war dies immer ein falscher Weg, er verwendet für seine Arbeiten sein Pferd und lässt sich, wenn schwere Arbeiten anfallen, von befreundeten Bauern helfen. Er zählt auf, wie durch eine langfristige Energiewirtschaft Sonne, Wasserkraft und Biomasse besser zur Stromversorgung genützt werden könnten, wie aber oft vergeblich versucht wird, durch immer größere Investitionen mehr Profit zu erreichen. Das ist seine Sache nicht, er versucht mit minimalen technischen Hilfen auszukommen.

Soziologie und Butterrühren

Die Vorsäßhütte liegt auf der schattigen Seite des Tals, eine Tür führt in Küche und Stube, gleich nebenan ist der Stall, in dem die Kühe stehen und ein Pferd, ein Noriker. Wenn Kaspanaze Simma die frischgemolkene Milch händisch zu Butter verarbeitet, reicht es ihm nicht, nur dieser Tätigkeit nachzugehen, er denkt nach, beschäftigt sich permanent mit der Natur, den Menschen und den globalen Zusammenhängen.

Am Abend sitzt er auf seinem Hof oder in der Vorsäßhütte und liest und rechnet. Wie ein Soziologe kann er erklären, wie sich im letzten Jahrhundert die Leistungs- und Verdienstmöglichkeiten zum Beispiel in der Holzwirtschaft verändert haben, und wie schwer es geworden ist, mit der Holzwirtschaft adäquat Geld zu verdienen. Die Kosten des technischen Fortschritts fressen die Einnahmen auf. Auch im Vorsäß lässt er fast alles beim Alten, aber dass es hier kein Wasserklo und keine warme Dusche gibt, führt dazu, dass es seine Familie - im Gegensatz zu früher - vorzieht, eher das ganze Jahr über auf dem Hof im Tal zu wohnen...

Hör-Tipp
Menschenbilder, Sonntag, 1. Februar, 14:05 Uhr