Jedem seine Träume!

Inge Maria Grimm hat so legendäre Radiosendungen wie "Das Traummännlein kommt" und "Seid mucksmäuschenstill" erfunden, viele Jahre war sie als Sprecherin und Autorin für den Rundfunk tätig. Aus vielen Sendungen sind beliebte Kinderbücher geworden.

Als "Märchentante der Nation" wurde Inge Maria Grimm mitunter bezeichnet, war sie doch jahrzehntelang im Radio mit Geschichten und Märchen für Kinder präsent. Und bis heute hält sie Lesungen, geht sie in Schulen. "Ich habe eine besondere Sympathie für Kinder, sagt Inge Maria Grimm. "Es hat mir immer Freude gemacht, gerade für Kinder zu schreiben".

Im Band "Es war einmal..." erzählt sie die Lebensgeschichte der beiden Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm. In manchen Büchern wird sogar auf ihre entfernte Verwandtschaft zu den berühmten Brüdern Grimm hingewiesen.

Zuerst Malerei, dann Schauspiel

Inge Maria Grimm wurde 1921 in Krems geboren, wo die Großmutter lebte. Aufgewachsen ist sie aber in Prag. Ihre Familie war überaus angesehen, war doch ihr Großvater, General Josef Grimm von Hainfels, der Stadtkommandant von Prag. Mehrere Bilder ihres Onkels, des Malers Josef Hauptmann, sind bei Inge Maria Grimm in der Wohnung zu sehen, darunter auch eine Radierung aus dem Jahr 1926, dem Todesjahr des Künstlers.

Aufgewachsen mit dem Geruch von Ölfarben und Terpentin, hat sich auch Inge Maria Grimm früh für die Malerei interessiert. Bis heute malt und zeichnet sie gerne, sie hat einige ihrer Bücher selbst illustriert, auch in ihrer Wohnung sind einige Bilder von ihr zu sehen - Darstellungen von Landschaften, Skizzen aus Prag, Szenen aus dem Alltag. Und doch fand sie neben der Malerei als Kind bald eine andere große Liebe: das Theater, die Bühne faszinierte sie.

"Die Liebe zum Theater war nicht zu verbergen", erzählt Inge Maria Grimm. Als aber ein Lehrer in der Sommerschule das junge Mädchen fragt: "Und was willst du werden?", und sie keine Antwort weiß, da soll er mit lauter dröhnender Stimme gesagt haben: "Ich weiß es! Du wirst eine Märchenerzählerin!" Eine durchaus prophetische Vorhersage.

Sprecherin bei der RAVAG

1945 muss die Familie Prag verlassen, sie findet Zuflucht in Österreich, in Krems, bei den Großeltern der Mutter. Eine schwierige Zeit beginnt. Die Mutter wäscht Wäsche, um Geld zu verdienen. Es herrscht Hungersnot, Arbeit ist kaum zu finden. Inge Maria Grimm will ihren Traum von einer Bühnenkarriere dennoch nicht aufgeben.

Die junge Schauspielerin landete bei der RAVAG, der Radio Verkehrs AG, die 1924 als erste österreichische Rundfunkanstalt gegründet worden war. Sie bestand bis zur Gründung des ORF im Jahr 1958. An die Anfänge bei der RAVAG kann sie sich gut erinnern - es wurde zunächst nur live gesendet. Auch die ersten Hörspiele wurden live gesendet, Aufzeichnungen auf Tonbändern kamen erst später.

Inge Maria Grimm war als Sprecherin beliebt und in vielen Sendungen zu hören, auch bei Sendungen der Wissenschaftsabteilung, die von Rudolf Henz geleitet wurde. Sie begann, erste Geschichten zu schreiben, die in der Zeitschrift "Radio Wien" abgedruckt wurden.

Als das "Traummännlein" erstmals kam

Der Leiter der Literaturabteilung der RAVAG, Professor Hans Nüchtern, ließ die junge Mitarbeiterin eines Tages zu sich bestellen. "Schreiben Sie weiter!", sagte er, und damit war der Weg vorgezeichnet: Aus der Schauspielerin und Sprecherin wurde auch eine Autorin. Zahlreiche Hörspielreihen und Geschichten für Kinder entstanden, viele waren bald auch in Buchform nachzulesen: "Jörgl, Sepp und Poldi", "Die Kindereisenbahn, "Lisl, Fritz und Pieps und der Kater Kajetan", "Geschichten vom Koboldsee", "Florian Zipfelmütz" und viele andere.

Im Radio "Rot-Weiß-Rot", dem Konkurrenzsender der Amerikaner, gab es eine beliebte Abendsendung für Kinder. Als sie nicht mehr auf Sendung ging, begann man bei der RAVAG, über eine Gute-Nacht-Geschichte für Kinder im Radio nachzudenken. Die Leiterin des Kinderfunks, Marga Frank, fragte Inge Maria Grimm, ob sie eine Idee hätte. Sie hatte. Am 5. September 1955, um 19:00 Uhr, war "Das Traummännlein kommt" erstmals im Radio zu hören.

"Seid mucksmäuschen still!"

Mindestens so populär wie das "Traummännlein" wurde auch eine zweite Sendereihe, die Inge Maria Grimm für den Kinderfunk kreierte: "Seid mucksmäuschen still!"

"Maus und Katz und Gockelhahn, Stille jetzt! Wir fangen an!" Einmal durfte sogar die kleine Tochter von Inge Maria Grimm die berühmten Anfangsworte sprechen, wusste sie doch gut Bescheid über die Märchen, die ihre Mutter für ihre Reihe "Seid mucksmäuschenstill" verfasste.

Märchen für Erwachsene

In den letzten Jahren hat Inge Maria Grimm verstärkt auch für Erwachsene geschrieben. Nach 27 arbeitsintensiven Jahren beim Radio hat sie für sich neue Wege gesucht. Sie hat Novellen, Erzählungen, Gedichte verfasst, sie hat ausgedehnte Reisen gemacht. "Ich musste etwas nachholen", sagt sie."Früher hatte ich nie eine Gelegenheit zum Reisen." Unterwegs seien viele neue Texte entstanden, erzählt sie und zeigt auf die volle Truhe mit Manuskripten in ihrem Arbeitszimmer.

"Schattenwege" heißt ein Band mit Erzählungen, die in Venedig, Carrara oder in Prag spielen. Von Prag ist auch in der Novelle "Herr Wodak und die Träume" die Rede. Es ist ein Märchen für Erwachsene - und eine Liebeserklärung an Prag.

An einer Stelle im Band "Herr Wodak und die Träume" ist ein schöner Wunsch zu lesen: "Jedem seine Träume!" Inge Maria Grimm hat anderen viele Träume geschenkt. In Radiosendungen, Büchern, Märchen, Gedichten und Geschichten hat sie immer wieder mit viel Humor darauf hingewiesen, dass es mehr gibt, als wir zu wissen glauben.