Die Stadt als Notizblock

Der Kabarettist und Flüchtlingsbetreuer Martin Moped dokumentiert Schmierereien an Wiener Wänden, die gesellschaftspolitische Inhalte transportieren, persönliche Botschaften sind oder einfach nur poetische, absurde Äußerungen anonymer Stadtbenutzer.

Martin Moped über die Poesie von Wandschmierereien

"Ich bin auf der Suche nach schönen Worten und nach Humor in der Stadt - und den gibt’s!", sagt Martin Moped, Kabarettist und Flüchtlingsberater, über sein langjähriges Fotoprojekt. Martin Moped dokumentiert Schmierereien an Wiener Fassaden.

Was für Hausverwaltungen, Hausbesitzer und -besitzerinnen ein lästiges Ärgernis ist, zeigt laut Martin Moped den eigentlichen Charakter einer Stadt. Ist das Bekritzeln von Wänden doch eine der letzten Möglichkeiten, wenn auch illegal, sich visuell in den öffentlichen Raum einzuschreiben und Spuren zu hinterlassen.

Start the Riot!

Was Moped interessiert, ist weniger Ästhetik als Botschaften. Parolen sind oft gesellschaftspolitischen Inhalts - von zaghaften Vorschlägen wie "Tu was" bis zu Aufforderungen zum zivilen Ungehorsam: "Start the riot!" steht etwa auf einer Fleischerei am Viktor-Adler-Markt in Favoriten. Begeistern kann sich Martin Moped auch für poetisch-absurde Sprüche, wie "Es gibt eine Herzlichkeit jenseits von Jonglieren."

Andere Botschaften enthalten rein persönliche Aussagen - so auch eine Aufschrift entlang der Nordseite der Wiener Reichsbrücke. "Da gibt es einen kompletten Entschuldigungsbrief eines Mannes an eine Frau", erzählt Moped, "der sich über die ganze Brücke zieht, ein sehr mitreißender Brief ist das."

Straßenkunst im Plüschrahmen

Aufgrund seiner Länge ist der Brief nicht in der Ausstellung enthalten, die am Dienstag in Wien eröffnet wird. "Die Wiener Wände und das Brotproblem" zeigt eine Auswahl hervorragender Schmierereien aus Martin Mopeds Sammlung, auf Leinwand gedruckt und mit einem Plüschrahmen versehen, um den ungeliebten Schmierereien hier eine andere Wertigkeit zu verleihen.

Veranstaltungsort ist das Galerie-Restaurant Mormat im Wiener Freihausviertel, laut Martin Moped ein Ort, an dem die Grenze zwischen privatem und öffentlichen Raum verschwindet - zumindest bei schönem Wetter: "Das Mormat hat große Glasfronten nach vorne hin, der Übergang zwischen Lokal und Straße ist daher fließend."

Das Brotproblem

"Wir schmieren nicht - wir wackeln an Euren Fassaden" lautet eine der Wandbotschaften, die Martin Moped für die Ausstellung "Die Wiener Wände und das Brotproblem" ausgesucht hat. Was das "Brotproblem" ist, weiß der Alltagsfotograf selbst nicht genau - für anonyme Hinweise seitens der Urheber oder Urheberinnen wäre er dankbar.

"Das war eines der ersten Fotos, das ich überhaupt gemacht habe, die Ur-Mutter der 'Wiener Wände'. Ich war fasziniert, dass man das Wort 'Brotproblem' erfinden kann, und dass man sich die Mühe macht, das den Menschen auf der Straße mitzuteilen: schaut her, ich habe ein Wort erfunden!"

Hör-Tipp
Leporello, Dienstag, 23. Juni 2009, 07:52 Uhr

Veranstaltungs-Tipp
Ausstellungseröffnung "Wiener Wände und das Brotproblem" mit Ernst Molden u.a., 23. Juni, 19:30 Uhr, Galerie-Restaurant Mormat in Wien

Links
MedienManufaktur Wien - Die Wiener Wände und das Brotproblem
Flickr - Bilder zur Ausstellung
Restaurant-Galerie Mormat