Der rätselhafte Mister Johnston

Markus und Matthias Widter machen im Jahr 2002 eine ungewöhnliche Erbschaft. Ein Onkel, den sie kaum gekannt haben, vermacht ihnen seine Schätze: rund 7.000 CDs, 90 Tagebücher, 300 Kilo Sachliteratur - und eine Unmenge an Briefen.

Die Brüder Markus und Matthias Widter standen in der Wohnung ihres verstorbenen Onkels und staunten nicht wenig: Hier stapelten sich Bücher, Tagebücher und CDs. Jeder Zentimeter der kleinen Wohnung war vollgestopft, sogar in der Mikrowelle, im Backrohr und im Kühlschrank fanden die Brüder CDs, viele noch originalverpackt. Jedes Regal, das weggeschoben wurde, brachte eine neue, dahinterstehende Regalreihe hervor. Es gab Kartons voll mit Zahnpasta-Tuben, mit Seifen oder Parfums. Hier hatte ein manischer Sammler und Musikkenner gelebt. 7.000 Schallplatten und CDs mit ausschließlich klassischer Musik, Tagebücher gespickt mit Briefen, Einkaufszetteln, Straßenbahnfahrkarten und Zeitungsausschnitten. Wer war dieser Mann?

Bob to Bob

Als Kinder hatten sie ihn bei Familientreffen gesehen, dann aber den Kontakt verloren. Robert Johnston war amerikanischer Besatzungssoldat und in vielen Kriegen im Einsatz. Er machte auch privat viele Reisen. Dutzende Postkarten in den Tagebüchern zeugen davon, Robert Johnston schrieb sich oft selbst und zeichnete mit "Bob to Bob".

So schrullig der Onkel auf den ersten Blick wirken mag, so sehr war er doch auch ein Frauenschwarm. Verheiratet, geschieden, und dann immer auf der Suche. Das lässt sich aus den vielen Briefen an Frauen schließen. Fast jeden Tag schrieb er Briefe. "Beim Lesen der Briefe hat man immer ein schlechtes Gewissen", sagt Markus Widter. "Eigentlich geht einen das gar nichts an. Aber dann überwiegt doch die Neugier. Und meist sind es Briefe von Fremden, dann ist das nicht so ein Intimitätsbruch."

Liebsbriefe mit Durchschlag

Hat Robert Johnston die Tagebücher für die Nachwelt geschrieben? Oder warum fertigt man sonst Durchschläge von Liebesbriefen an? Wenn man die Ordner des ehemaligen Soldaten studiert, zeigt sich: Er versuchte so, einen Überblick über seine Liaisons zu behalten. Robert Johnston war ein pragmatischer Mann. Er verschickte viele identische Liebesbriefe an mehrere Damen. Er schien viele Fernbeziehungen gleichzeitig geführt zu haben. Er legte ein "File of women love affairs" an, wie er es selbst nannte. Alphabetisch nach Vornamen geordnet und mit Schlagworten wie Haarfarbe und körperliche Vorzügen versehen.

Die Brüder Widter fragten beim amerikanischen Militärarchiv, beim National Personnel Records Center in St. Louis an, um mehr über die Stationierungen und die berufliche Karriere ihres Onkels zu erfahren. Als der Akt schließlich ankam, wurden nur noch neue Fragen aufgeworfen. Im Personalakt fehlten einige Passagen, sie waren mit einer Schere entfernt worden.

Bürokratischer Wahnsinn

Der Sergeant First Class war vermutlich nicht in Kampfhandlungen verstrickt, er dürfte den Korea- und Vietnamkrieg in der Verwaltung erlebt haben und für die Versorgung zuständig gewesen sein. "Mich hat Vietnam politisch interessiert, und ich hab mir die Tagebücher in der Hoffnung angesehen zu erfahren, was dort wirklich los war, fernab von Kinofilmen", sagt Markus Widter. "Den bürokratischen Wahnsinn zu sehen, der hinter einem Krieg steckt, war völlig unerwartet, aber letztendlich sehr spannend."

Das Tagebuch lässt viele Geheimnisse offen. Johnston hatte eine unleserliche Handschrift, viele Textstellen sind nicht mehr zu entziffern. Die Neffen suchten deshalb selektiv nach interessanten Eintragungen. "Ich hab an meinem Geburtstag im Tagebuch nachgeschaut, ob ich lobend erwähnt bin. Ich habe aber nichts gefunden. Da war ich schon etwas frustriert", sagt Markus Widter und lacht.

Hör-Tipp
Hörbilder, Samstag, 22. August 2009, 9:05 Uhr