Termini

In Dorothea Dieckmanns neuem Roman gerät eine journalistische Recherche anlässlich des Priebke-Kriegsverbrecher-Prozesses in Rom unversehens zu einer Reise auf Leben und Tod. Die Vergangenheit ist in Rom an allen Ecken und Enden präsent.

Es ist heiß, die Luft steht, und es riecht nach Gummi. An einem drückend schwülen Sommertag im Juli 1996 kommt Ansgar Weber, Journalist, Mitte dreißig, nach Rom. Ansgar Weber arbeitet für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" und hat den Auftrag, über einen spektakulären Kriegsverbrecherprozess zu berichten: den Fall Erich Priebke. Er weiß, die Priebke-Story könnte seine Ressortleiter-Prüfung werden, und spürt zugleich, dass seine Arbeit zur Routine-Arbeit geworden ist, dass es ihm immer schwerer fällt, den erfolgreichen Reporter zu mimen.

Jetzt ist er in Rom gelandet, doch statt am Bahnhof Termini in Ostia. Auf dem Weg zur nächsten Metro kreuzt er eine Straße mit geschichtsträchtigem Namen: die Viale delle Cave Ardeatine, die Straße der Ardeatinischen Höhlen. Hier hatten im März 1944 Priebke und andere als Vergeltungsmaßnahme für ein Partisanen-Attentat 335 italienische Zivilisten erschießen lassen. Noch bevor er richtig in Rom ist, ist Ansgar Weber schon am Tatort.

"Dass die Vergangenheit in Rom in allen möglichen Formen sehr präsent ist, das ist nicht nur ein übliches Bild der Stadt, es ist auch eine Erfahrung, ein Erlebnis, das man dort tagtäglich an der eigenen Haut macht", sagt Dorothea Dieckmann im Gespräch. "Das ist im Grunde ein Empfindungskonglomerat, das mich bewogen hat, diese Erfahrung der Fremdheit und der Gegenwart der Vergangenheit zum Ausgangspunkt zu nehmen."

Drei unterschiedliche Charaktere

In Dorothea Dieckmanns Roman "Termini", der an vier Tagen und Nächten in Rom spielt, kreuzen sich die Wege von drei ganz unterschiedlichen Personen mit ganz unterschiedlichen Biografien.

Da ist Ansgar Weber, der Journalist, dem Stadt und Sprache eher fremd sind, ein Mann, dem ein "müdes Herz" nachgesagt wird, Gleichgültigkeit und eine "schläfrige Ergebenheit", ein "Muttersöhnchen", das immer auf der sicheren Seite war.

Da ist Walter Haymon, Mitte fünfzig, der als Kartenleser auf der Piazza Navona ein durchaus einträgliches Geschäft betreibt. Er, der im Roman auch als "Zauberer", als "Schamane", als "echter Falschspieler" und "falscher Guru" bezeichnet wird, aber auch als "Stadtstreicher", als "anerkannter Untergangsexperte von Rom" und "Toter auf Reisen", kam der Liebe wegen nach Rom: Sein polnischer Freund studierte hier Theologie. Erinnerungen an den Selbstmord des Geliebten, an dem Walter nicht schuldlos war, suchen den Kartenleser ebenso heim wie die an seinen unmenschlichen Vater, der nach Kriegsende von ehemaligen Zwangsarbeitern erschlagen wurde.

Aus der Öffentlichkeit verschwunden
Und da ist die alte Schriftstellerin Lydia Marin, eine kleine, zierliche Frau, die einst eine gefeierte Autorin war, nach einem Unfall aber spurlos verschwand und seitdem für tot gehalten wird. In Wirklichkeit lebt sie unter falschem Namen seit mehr als zwanzig Jahren in Rom. Weil sie gesellschaftliche Rolle und künstlerischen Anspruch offenbar nicht mehr miteinander in Einklang zu bringen vermochte, verschwand die große deutsche Dichterin aus der Öffentlichkeit.

"Ich versuche in diesem Roman zu zeigen, dass das Vergangene uns einholt", meint Dieckmann. "Das, was wir im Rücken haben, das, was wir hinter uns haben, die Geschichte, die hinter uns liegt mit all ihren Toten - die scheint uns, wenn wir Angst davor bekommen, wenn sie wieder virulent wird, zukünftig zu sein. In Wirklichkeit aber haben all diese Deutschen in Rom Angst vor der eigenen Vergangenheit. Und meinen dann, das sei die Katastrophe, die ihnen bevorstehen würde. In Wahrheit ist die aber in ihrem Rücken, in ihrem Nacken, in ihrem Unbewussten vorhanden."

Wahrhaft erinnern

Der Journalist Ansgar zeigt für den Priebke-Prozess erstaunlich wenig, für die wiederentdeckte Schriftstellerin und ihr Doppelleben dagegen umso mehr Interesse. Er fiebert der Begegnung mit Lydia Marin entgegen, die ihm tatsächlich ein Interview zusagt, ein Interview, das Ansgars großer Coup werden könnte.

Obwohl die Schriftstellerin später sagen wird, dem Journalisten "nicht die ganze Tote gegeben" zu haben, spricht sie mit ihm über ihr Leben und Schreiben, mischt Bekenntnisse ("Ich habe immer nur den heimlichen Worten vertraut") mit Ressentiments ("Die Lebenden sind taub und blind..."). Als Ansgar Lydia erneut besuchen will, ist sie verschwunden - und das Tonband zerstört.

"Es geht mir als Autorin dieses Romans um die Frage, kann man sich eigentlich mit Wahrhaftigkeit erinnern im Rahmen der Literatur", fragt sich Dieckmann. "Erinnern an diesen großen Massenmord, an diese Millionen Toten, die hinter uns liegen."

Schicksalhaftes liegt in der Luft

So spannnend Dorothea Dieckmanns "Termini"-Roman auch beginnt - mit der Exposition dreier interessanter Charaktere in der flirrenden Atmosphäre eines sommerlichen Rom -, so sehr verfängt sich die Geschichte dann im Düster-Ungefähren. Von Anfang an liegt Schicksalhaftes, Unheilschwangeres, Unglückskündendes in der Luft, ist die Rede von Sackgassen, Abgründen und Katastrophen, doch es bleibt zu oft beim bloß Angedeuteten, Vagen und Diffusen.

Da raunt Ansgar: "Irgendwas geht gerade zu Ende. Irgendwas kommt." oder spürt die "Anziehung des schwarzen Lochs, in das die Masse der Außenwelt langsam hineinstürzte". Da kannte Walter "die Zeichen nicht mehr" und glaubt, die Geschichte, die Sterne und die Karten hätten "ausgespielt". Da verspürt Lydia ein "Verlangen nach dem eigenen Dasein" und eine "Sehnsucht nach Gegenwart, zurückgebogen auf diesen weichen lila Augenblick": viel Hochtrabendes in diesem Roman. Und stilistisch Fragwürdiges.

Keine Erlösung

"Die poetische Sprache", schrieb Dorothea Dieckmann vor einigen Jahren in ihrem Essay "Sprachversagen", "zeigt die Symptome von körperlicher Energie". Und mit dieser Vorstellung macht sie hier ernst. Vor allem im Romanfinale, mit Ansgars Wandlung zum Tatmenschen. Da irrt ein Blick, rast der Puls, brennt die Lunge, schnürt etwas die Luft ab, würgt den Hals, fühlt einer, wie sein Herz stehenbleibt, quetschen sich die Eingeweide zusammen, wächst die verzweifelte Wut, da berührt eine vergebliche Sehnsucht, "wie jemand, der von ferne winkt", implodiert die überhitzte Stadt... Am Ende versucht Dorothea Dieckmann, dabei ziemlich dick auftragend, ein Inferno heraufzubeschwören, und jagt einen entfesselt wirkenden Deutschen durch Rom.

"Ich muss gestehen, ich hab mich das selber oft gefragt, warum ich den armen Ansgar so hart rannehme", meint Dieckmann. "Einerseits wird er selber fast zum Mörder, auf der anderen Seite wird er wirklich von Erinnyen verfolgt, also die Toten sind ihm in jeder Form und in jeder Zahl auf den Fersen."

Am Ende wird Ansgar Weber weder eine Kriegsverbrecher-Geschichte, noch eine Lydia-Marin-Story haben. Am Ende wird Erich Priebke freigesprochen werden, ohne dass der "Spiegel"-Journalist den Prozess verfolgt hätte. Am Ende wird dieser noch einmal durch Rom streifen, eine Stadt, die ihm wie eine Geisterbahn erscheint, getrieben von einem Plan: Walter, den Wahrsager, zu töten, um sich damit zu erlösen von seiner ihn dann doch irgendwie quälenden Rolle als teilnahmsloser Zeuge; wird sich in den Fosse Ardeatine in einer grotesken Filmszene wiederfinden und feststellen müssen, dass ihm jemand zuvorgekommen und Walter, als er ihn endlich findet, schon tot ist. Am Ende wird nichts geklärt und alles offen sein - und der Leser erschöpft sein nach Dorothea Dieckmanns wüster, poetisch überhitzter Rom-Rundfahrt.

"Das Buch der Woche" ist eine Aktion von Ö1 und Die Presse.

Hör-Tipps
Das Buch der Woche, Freitag, 28. August 2009, 16:55 Uhr

Ex libris, Sonntag, 30. August 2009, 18:15 Uhr

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Buch-Tipp
Dorothea Dieckmann, "Termini", Verlag Klett-Cotta

Link
Klett-Cotta - Termini