Die Orte der Erinnerung

Cesare Paveses Heimat war das Piemont in Norditalien, genauer: Santo Stefano Belbo. Dort wurde er am 9. September 1908 geboren. Santo Stefano Belbo liegt in der Hügellandschaft Langhe, die eine wichtige Rolle im Werk des Autors spielt.

In der Nacht vom 26. auf den 27. August 1950 nimmt sich der italienische Schriftsteller Cesare Pavese im Hotel Roma in Turin das Leben. Zum Zeitpunkt seines Todes ist Pavese einer der führenden Intellektuellen Italiens und als Direktor im Verlag Einaudi ein wichtiger Mann im Literaturbetrieb der postfaschistischen Republik.

Paveses Heimat ist das Hügelmeer der Langhe in der norditalienischen Region Piemont, eine Landschaft, die der Schriftsteller in seinen Romanen und Gedichten mythisch überhöht.

Piemontesische Heimat

Eine Reise an Paveses "Orte der Erinnerung", führt nach Santo Stefano Belbo, 120 Kilometer südlich von Turin. Während des Sommers zogen sich Paveses Eltern, die in Turin lebten, in das ererbte Haus nach Santo Stefano zurück. In dem rosa getünchten Gebäude wird Cesare Pavese am 9. September 1908 geboren.

Zwischen Partisanen und Faschisten

Vom Geburtshaus Paveses ist nach kurzer Autofahrt auf der Landstraße einer der Hauptschauplätze von Paveses Roman "Junger Mond" erreicht: das Landgut La Mora. In "Junger Mond" berichtet der Ich-Erzähler vom Schicksal dreier Mädchen, Irene, Sylvia und Santina, die auf La Mora leben und auf tragische Art und Weise ums Leben kommen. Die jüngste, Santina, laviert zwischen Partisanen und Faschisten und wird am Gipfel des Hügels Gaminella erschossen.

Das Gut La Mora ist dem Ich-Erzähler von "Junger Mond" wohlvertraut. Von der mythischen Villa Nido hingegen, einem neogotischen Lustschlösschen, dessen Besitzer nur in den Ferien anreisen, weiß er lediglich vom Hörensagen. Eine stark gewundene, asphaltierte Straße führt in unzähligen Kehren auf die Anhöhe, wo die Villa Nido steht. Verschlossene Fenster und Türen. Die Villa ist noch immer in Privatbesitz. Völlige Ruhe herrscht rund um das rostrote Miniatur-Märchenschloss und man taucht ein in die Vorstellungswelt von "Junger Mond":

Man wusste über die Villa Nido nur, was Tommasino und manche Knechte erzählten, denn jene ganze Seite des Höhenzuges war eingezäunt und von unsern Weinbergen durch einen Hang getrennt, und nicht einmal die Jäger konnten hinein, es hing da ein Verbotsschild. Ging man unten auf der Straße vorbei und blickte nach oben, so sah man nichts als ein sonderbares Schilfdickicht - es war Bambusrohr. Tommasino sagte, es sei da ein Park und um das Haus herum eine Unmenge Kies, viel feiner und weißer als der, den der Straßenwärter im Frühling auf die Straße warf. Und gar die Felder des Nido - die reichten weit hinauf auf die dahinter liegende Höhe, Reben und Korn, Korn und Reben, dann Meierhöfe, Wäldchen von Nussbäumen, von Kirschbäumen und Mandelbäumen.

Beim Tischler Nuto

Zurück am Weg nach Santo Stefano Belbo kehrt man in einem kobaltblauen Haus an der Straße ein. Jedes Mal, wenn Cesare Pavese in die Langhe kam - und gegen Ende seines Lebens wurden die Besuche immer häufiger - suchte er den Tischler Nuto auf, der hier lebte.

Im Haus von Nuto hängt nach wie vor Holzgeruch in der Luft und sämtliche Arbeitsgeräte liegen feinsäuberlich an ihrem Platz. Nuto könnte jederzeit zu arbeiten beginnen.

Auf den Spuren Paveses

Nuto ist selbst längst schon zum Mythos geworden. Der Tischler wurde 1900 geboren und ist im Jahr 1990 gestorben. Er führte den Schriftsteller Pavese durch die Weinberge und auf die Hügel, über jene Wege, auf denen heute italienische Schulklassen und Literatur-Begeisterte auf den Spuren Paveses wandern.

Die enge Verbindung des musikalischen Tischlers zum Autor wird offensichtlich, fällt der Blick auf das vergilbte Kalenderblatt am einfachen Schreibtisch von Nuto. Montag, 28. August 1950. Dieses Datum hat Nuto nie mehr ausgewechselt. Es ist der Tag, an dem er vom Tod Paveses erfuhr.

Übersicht

  • Reisen