Zweite Chance am Bankschalter

Etwa 40.000 Menschen leben in Österreich ohne eigenes Konto. Sie sind meist überschuldet und keine "normale" Bank möchte sie als Kunden. Doch ohne Bankverbindung sind sie vom Wirtschaftsleben ausgeschlossen. Ihnen hilft die Zweite Sparkasse.

"Erst einmal haben sie mir einen Kaffee angeboten", erzählt der 60jährige Wiener Thomas Stiedl, "mit Milch!" Kaffee hatte der Frühpensionist schon lange nicht mehr bekommen in einer Bank. Geld auch nicht. Fünf Jahre lang hatte er keinen einzigen Cent von einem Bankomaten abheben dürfen. Er ist auf sämtlichen Schwarzen Listen der österreichischen Banken gestanden; da steht er jetzt noch. Aber ein Mensch ohne Konto ist er nicht mehr.

Keine roten Lichter

"Was kommt jetzt?", dachte er sich, als man ihn gebeten hatte, Platz zu nehmen. Es sah fast so aus wie in einer gewöhnlichen Bankhalle, nur Schalter sah er nicht. Da kam er, sein Kundenbetreuer. Würde der jetzt wieder gebannt auf den Bildschirm schauen, nach ein paar Minuten mit dem Kopf schütteln und ihn hinauskomplimentieren? Der Betreuer schaute auf den Bildschirm, ließ sich Unterlagen zeigen, blätterte in den Papieren, lächelte. Thomas Stiedl wurde nicht hinauskomplimentiert. Er war wieder Kunde in einer Bank.

Von der Zweiten Sparkasse hatte er in der Zeitung gelesen, einen Termin verschaffte ihm jemand von der Schuldnerberatung. Die Zweite Sparkasse ist eine Bank für Leute ohne Bank, sagte man ihm. Hier bekommt man ein Konto, auch mit 119.000 Euro Schulden. Für neun Euro Kaution pro Quartal bietet die Bank ein einfaches Girokonto.

"Habe ihre Dankbarkeit gespürt"

"Einer kam letztens ganz glücklich hier rein und sagte, er will jetzt unbedingt seine Schulden los werden, denn vor zwei Tagen wurde seine Tochter geboren. Davor hat er nur den Kopf in den Sand gesteckt. Da freut man sich schon", erzählt Gertrude Gangl. Sie ist eine von 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ehrenamtlich Dienst tun in der sozialen Bank.

Sie hat selber Kinder und ist erstaunt, wie viele junge Menschen sie in letzter Zeit an ihrem Tisch sitzen hat. Einen Vormittag im Monat arbeitet sie in einem unscheinbaren gelben Haus im zweiten Wiener Bezirk, einer von fünf Filialen der Zweiten Sparkasse. Sie erklärt den Kunden, wie sie Konto und Online-Banking nutzen können. "Nach dem Erstgespräch gehen sie immer sehr dankbar weg", freut sie sich, "und diese Dankbarkeit spür ich."

Auch die Chefin arbeitet ehrenamtlich. Evelyn Hayden ist Vorstandsvorsitzende; eigentlich hat sie einen hohen Posten in der Wiener Landesdirektion der Erste Bank. Vor genau drei Jahren nahm die Zweite Sparkasse ihren Betrieb auf. Mittlerweile hat sie 4.500 Kunden und Kundinnen - viel mehr, als sich Evelyn Hayden vorgestellt hat.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Banken will die Zweite Sparkasse die Kunden nicht ewig an sich binden. "Wir sind als Übergangslösung gedacht", betont die Chefin. Ein Konto eröffnen kann hier jeder Mensch, der von einer sozialen Organisation, wie etwa der Caritas oder der Schuldnerberatung, empfohlen wird.

Nach der Scheidung Privatkonkurs

Thomas Stiedl hat sich einigermaßen gefangen. Überziehen darf er sein Konto nicht. Dass er jetzt wieder Daueraufträge einrichten kann und nicht mit jedem Erlagschein zu einer Bank muss, ist für ihn eine große Erleichterung. Auch wegen der Kosten: "Eine andere Bank verlangt für eine Überweisung vier Euro fünfzig", sagt er, der ehemalige Lkw-Fahrer.

Die Schulden sind ihm über den Kopf gewachsen, nachdem er seine Arbeit verloren hatte. Thomas Stiedl musste zu dieser Zeit seine vier Kinder allein versorgen; die Frau war nach der Scheidung verschwunden. Das Verfahren für seinen Privatkonkurs, den er angemeldet hat, läuft noch bis 2012. Dann sind die Schulden getilgt, und er hat wieder Zutritt zu einer normalen Bank.

Seit einigen Monaten bietet die Bawag-PSK ein ähnliches Service an: das "Neue Chance Konto". Auf das Konto kann von jeder Filiale der Postsparkasse aus zugegriffen werden, eine Bankomatkarte wird nicht ausgehändigt. Evelyn Hayden, die Chefin der Zweiten Sparkasse, wertet es als Erfolg: "Ich glaube, es gibt noch viel zu tun und viele Menschen, die Hilfe und Unterstützung benötigen."

Hör-Tipp
Moment, Dienstag, 14. Oktober 2009, 17:09 Uhr

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Zweite Sparkasse