Zum Tod von Martin Hornstein

Martin Hornstein, österreichischer Cellist und ehemaliges Mitglied des Altenberg Trios Wien, ist tot. Hornstein starb in der Nacht auf Mittwoch. Die Musikwelt hat damit einen der ganz wenigen, ganz besonderen Musiker verloren.

Am Morgen des 28.Oktober 2009 wurde der Cellist Martin Hornstein in seiner Wohnung tot aufgefunden. Unsere Fassungslosigkeit bleibt: Die Musikwelt hat einen der ganz wenigen, ganz besonderen Musiker verloren. Eine Ausnahmeerscheinung, was Talent, Ernsthaftigkeit, Leidenschaftlichkeit betrifft. Kaum ein anderer durchdrang die Musik so wie er, kaum ein zweiter kam ihr so nahe, drang so weit, so tief zu ihr vor.

Am Sonntag wäre er 55 Jahre alt geworden. Er erlebte es nicht. Kann es sein, dass unsere Welt keinen Platz für ihn hatte? Kann es sein, dass er in seiner innigen Annäherung an die Musik zuviel verlangte? Dass der Betrieb ihm nicht die Zeit, den Raum gönnte. Darf soviel Zuwendung nicht sein; geht sich das nicht aus? Haben wir für einen wie ihn keinen Bedarf? Trägt unsere Musikgesellschaft so einen wie ihn nicht? Geht einer da zu weit mit seinen Ansprüchen?

Wertvolles Cello gespielt

Wer sind die, die beurteilen, ob einer oder eine ein wertvolles Cello benötigt, gar verdient? Das wunderbare "ex Van Zweygberg"-Cello von Giovanni Battista Guadagnini, datiert Piacenza 1743, aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbank musste er endlich zurückgeben. Wer sind die, die einem jungen Musiker eine Chance geben, die ihn mit seinem Können und seinem Glanz der Musikwelt zum Geschenk machen? Es war Margarete Gruder-Guntram, die legendäre "Frau Direktor" - noch erinnert eine Loge in der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien an sie - die ihm im Brahms-Saal Auftrittsmöglichkeiten gab; eine, die das Talent erkannte, leitete, und Publikum schenkte.

Er war mutig, im wahren Sinne leichtsinnig. Sein Leben lang verließ er Musikwelten, die bloß Musik machten, aber nicht mehr. Er begann als Solocellist in der Wiener Volksoper, konnte nicht mehr dort leben - die Frage des Davon stellte sich dann gar nicht mehr; wurde Solist, Kammermusiker, Mitbegründer des Wiener Schubert-Trios. Im Trio mit Boris Kuschnir und Claus-Christian Schuster erarbeitete er Neues und Neuestes und gab dem alten Bestehenden einen einzigartigen Klang; er war die Stütze, der Grund, als das Trio sich ins Altenberg-Trio wandelte, einen Geiger suchte, ihn in Amiram Ganz fand. Er gab der neuen Formation einen Glanz und eine liebliche Innigkeit, die ihn und seinen Ton von Weitem erkennbar machten.

Ein Freund des Publikums
Er war der Freund der Komponisten und Komponistinnen, er war der Freund des Publikums. Man kam, sehr viel, wegen ihm. Weil er seine Freude und Freundschaft so sehr zeigte, weil er mit Lob so selbstbewusst und sicher umging. Wenn einer zu ihm sagte: "So schön wie heut habt ihr noch nie gespielt", sagte er: "Das sagst du jedes Mal."

Als das Trio, dieses wunderbare Altenberg-Trio, nicht mehr künstlerische Heimat war, als es Ansprüche stellte, die er nicht erfüllen wollte, verließ er es, gerade dann, als - endlich - der internationale große künstlerische Erfolg eingesetzt hatte. Noch einmal gab er den Kammermusikkollegen vom Altenberg-Trio und anderen seinen sanften Ton, als er den Schwan gab, in einem letzten Konzert mit den alten Kollegen, damals 2004 in der Schweiz. Für alle, die wussten, wie schön der Schwan von Saint-Saens singt; dass er so schön singt, wussten sie nicht. Es war ein Schwanengesang.

Irrgarten der Quoten
Mag sein, er hat falsche Entscheidungen getroffen. Aber eine Welt, die nicht sehnsüchtig und gierig nach ihm verlangt, die ihn nicht willkommen heißt - gibt es in der die richtige Entscheidung? Gibt's in dem Irrgarten der Quoten und Ausverkauftheiten von Sälen, der Reise-Ensembles und Wiederholungszwänge, der Bilanzen und Gegenrechnungen, der ihre Verantwortungen verbergenden Jurien und Kommissionen einen Platz für einen wie ihn?

"Sicherheit", sagte er in der Wiener Musikvereinszeitschrift einmal, "gibt es nicht im Leben - und schon gar nicht in der Kunst". Der Entschluss, das Trio zu verlassen, fiel ihm schwer, er war schon 50 Jahre alt, private und berufliche Welten stürzten ein; und doch, er war sich sicher: Es geht nur so, es ging nicht anders.

Zeit für Bach
Zum Beispiel war jetzt Zeit für Bach. Die Bach'schen Solo-Suiten studierte er, erarbeitete sie, in einer Treue zum Notentext und einer gleichzeitigen Erfindungsgabe, die Werktreue und historische Aufführungspraxis auf künstlerische Weise verband. Mit dem Lyriker Semier Insayif näherte er sich Bach.

Insayif folgte in seiner Lyrik einem Ursprungsbild: der Grundfigur von Libelle als Pfeil, aus der sich wiederum Bilder von Flug, Verpuppung oder Teich herleiten, und wo ein Pfeil ist, ist auch der Bogen mitzudenken: Die Libelle ist der Pfeil ist der Ton, der von der Saite kommt unter der Erregung des Bogens.

Es erscheint das Bild der Libelle, die unbelehrbar gegen die Fensterscheibe fliegt und nur mehr tot geborgen werden kann.

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