Das Ende der Unschuld

In Woodstock zelebrierten die Hippies Liebe und Frieden. Nur vier Monate später hatte der Traum von der "Woodstock Nation" ein jähes Ende: Während des Gratis-Konzerts der Rolling Stones in Altamont wurde ein Zuschauer direkt vor der Bühne erstochen.

Hippiekultur, Rockmusik und die magische Zahl 1969 - wer würde da nicht an Woodstock denken? Tatsächlich endete das Jahr der größten friedlichen Massenveranstaltung in einem Debakel. Die vielzitierte "Woodstock Nation" erlebte nur vier Monate nach ihrer Gründung den Niedergang auf der unwirtlichen Bergkette Altamont südöstlich von San Francisco.

Vorbild Woodstock

Es begann wie Woodstock: mit einem zugeparkten Highway und hunderttausenden jungen Menschen, die sich an einem Ort auf dem Land versammelten um an einem Festival teilzunehmen, das - anders als Woodstock - von Anfang an als Gratisevent beworben wurde.

Die Rolling Stones, entnervt über ständige Kritik an den als zu hoch bewerteten Ticket-Preisen für die Konzerte ihrer US-Tournee des Jahres 1969 wollten im Gefolge des Woodstock-Festivals ebenfalls einen Gratis-Auftritt für ihre Fans spielen.

Gratis-Festival mit prominenter Besetzung

Für das Festival verpflichteten sie The Flying Burrito Brothers, Santana, Crosby, Stills, Nash and Young und Jefferson Airplane. Als Höhepunkt des Abends wollten sie selbst auftreten. Als Auftrittsort wünschte man sich den Golden Gate Park von San Francisco, der traditionell für solche Konzerte genutzt wurde.

Schauplatzwechsel zwei Tage vor dem Konzert

Der Gemeinderat von San Francisco wollte allerdings nichts mit einem derartigen Großereignis zu tun haben. Als Ersatzort fand man die Rennstrecke von Sonoma, etwa eine Autostunde nördlich von San Francisco.

Die Besitzer dieser Autorennbahn machten sich jedoch Sorgen wegen mangelndem Versicherungsschutz - und so mussten nur 48 Stunden vor dem Konzert Licht- und Tonanlage und die Bühne selbst nach Altamont, den in letzter Sekunde gefundenen Ersatzort, transportiert werden.

Grobe Fehler bei Aufbau und Vorbereitung des Events

Altamont war ein denkbar schlechter Veranstaltungsort. Eine karge Ödnis ohne Bäume, ohne Infrastruktur, ohne Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen. Zum größten Problem wurde der Umstand, dass man beim eiligen Übersiedeln des Bühnenequipments Teile der Bühne in Sonoma zurückgelassen hatte.

Die Bühne war mit 1,60 Metern viel zu niedrig, es gab keine Security, der Ansturm der Fans begann bereits am Tag des Aufbaus. 300.000 sollten es insgesamt werden.

300.000 Fans tummelten sich vor der Bühne

Da die Bühne zu niedrig geraten war, wurden Mitglieder des Motorradclubs "Hells Angels" als Security verpflichtet. Sie bekamen statt Geld Bier, soviel sie trinken konnten. Die als raue Burschen bekannten "Engel" agierten äußerst gewalttätig. Schon beim Auftritt von Crosby, Stills, Nash and Young kam es zu Handgreiflichkeiten. Jugendliche Fans wurden brutal in die Zuschauermenge zurückbefördert, wenn sie versuchten, auf die Bühne zu klettern.

Ein Knock-Out während des Auftritts von Jefferson Airplane

Die Gewalt richtete sich jedoch nicht nur gegen die Zuschauer. Während die Hells Angels Neil Young während seines Auftritts "nur" mit angespitzten Fahrradspeichen in die Waden stachen, wurde der Sänger von Jefferson Airplane, Marty Balin, bewusstlos geschlagen, als er versuchte, einem Zuschauer zu Hilfe zu kommen.

"Under My Thumb" als Begleitmusik zu einem Mord

Am Ende sah die Bilanz erschütternd aus: Neben mehreren Unfall- und Drogentoten gab es auch ein Mordopfer zu beklagen. Ein Angehöriger der Hells Angels, Alan Passaro, erstach direkt vor der Bühne, auf der die Stones gerade "Under My Thumb" spielten, den 18jährigen Meredith Hunter. Diese Tragödie leitete das Ende der Hippiebewegung ein.

Oral History in Altamont

In Gesprächen mit Konzertbesuchern, Anrainern und Veranstaltern begeben wir uns auf die Suche nach den Ursachen für das Chaos in Altamont, berichten über den Verlauf des Festivals und die Folgen für die Jugendkultur der Sechzigerjahre.

Hör-Tipp
Radiokolleg, Montag bis Donnerstag, 9:45 Uhr

CD-Tipps
The Rolling Stones, "Beggar’s Banquet"
The Rolling Stones, "Let It Bleed"
The Rolling Stones, "Get Yer Ya Ya’s Out"

Film-Tipp
Dokumentarfilm, Albert und David Maysles, Charlotte Zwerin, "Gimme Shelter"