Der digitale Kuhstall

Milchbauern passen ihren Lebensrhythmus seit Jahrhunderten dem ihrer Tiere an. Früh aufstehen den die Kühe müssen gemolken werden. Das könnte sich ändern: Chips steuern die individuelle Futterausgabe und Melkroboter übernehmen die Handarbeit.

"Hier hat der Computer das Sagen"

Gemächlich spaziert eine Kuh in Richtung Melkroboter. Angelockt wird sie vom Kraftfutter, dessen Zusammensetzung genau auf das jeweilige Rind abgestimmt ist. Während sie ihre Mägen füllt, geht der Melkroboter behutsam in Betrieb. Zuerst misst ein Laser das Euter aus, dann beginnen die Bürsten mit der Massage. Die Kuh frisst und frisst. Nun beginnt der japanische Melkroboter Astronaut mit seiner Daseinsberechtigung. Periodisch wird gemolken und die Milch pro Viertelliter auf ihre Qualität überprüft.

"Dafür bekommen wir auch einen höheren Preis", erklärt Milchbauer und Rinderzüchter Johann Derler. Sein Kuhstall im oststeirischen Biregg ist alles andere als altmodisch. Hier hat der Computer das Sagen. Und den Kühen scheint das gut zu gefallen. "Die Maschine kann die menschliche Hand ersetzen. Viele können gar nicht glauben, wie sanft der Melkroboter arbeitet."

Keine Angst vor der Zukunft

Der Einsatz von Maschinen in der Landwirtschaft ist nicht unbedingt eine Neuigkeit des 21. Jahrhunderts. Aus puren Werkzeugen wie Melkmaschinen sind allerdings intelligent agierende Geräte geworden. Autonom agierende Roboter holen die Milch, Chips im Ohr der Kühe liefern permanent Daten über Zustand und Futteranspruch wiederkäuenden Produktionsmittel. Mancherorts gibt es eigene Maschinen zur Fellpflege und computergesteuerte Gatter garantieren einen gemächlichen Fließverkehr im Stall. Und wenn irgendetwas nicht nach Plan läuft, wird der Bauer per SMS verständigt. "Man muss mit der Zeit gehen", lässt Derler keine Technikphobie gelten.

Schwere Bedenken

Doch diese Phobie gibt es. Und der Vorarlberger Autor und Kulturhistoriker Bernhard Kathan hat ihr gleich ein ganzes Buch gewidmet. "Schöne neue Kuhstallwelt" nennt er seine Dystopie, in der er versucht, einen direkten Konnex zwischen moderner Rinderzucht und dem unaufhaltsamen Weg in eine totalitäre Gesellschaft zu ziehen. Sehnsüchtig trauert er den Kühen seiner Kindheit nach, die noch wilde Tiere waren und keine digital überwachten Euter-Zombies. Er schreibt:

"Es sind ganz andere Kühe, die in unserem voll automatisierten Kuhstall zu sehen sind. Sie wirken apathisch. So, als seien sie sediert, als stünden sie unter Psychopharmaka, ihres Eigensinns beraubt. Sie zeigen keine Neugier. Ihr Blick hat etwas Leeres. Versucht man mit einer dieser Kühe in Kontakt zu treten, dann scheut sie zurück. Sie lassen an Missgeburten denken. Es sind groteske Züchtungen, die letztlich nur noch zwei Organe betonen: das Euter und einen riesigen Verdauungsapparat."

Verbesserung der Lebensqualität von Mensch und Tier

Den Bauern selbst sind solche - zugegeben leicht überkonstruiert wirkenden - Gedanken natürlich völlig fern. Sie rechtfertigen ihre in die hundertausende von Euros gehenden Investitionen (in Österreich gibt es derzeit rundert 100 solcher Melkroboter) mit besserer Milchqualität, einer drastischen Verbesserung der Lebensqualität von Kühen und auch dem Anstieg der persönlichen Lebensqualität.

Denn einmal nicht um fünf Uhr früh aufstehen müssen, lässt Technikkritik schnell alt aussehen. Und schließlich beharrt auch Johann Derler darauf, dass das traditionelle Verhältnis von Mensch und Tier auch durch japanische Melkroboter nicht beeinträchtigt wird: "Jede Kuh hat bei uns eine Nummer, jede Kuh hat auch einen Namen. Und ich gehe mindestens drei- bis viermal am Tag in den Stall zu den Kühen hinein und hab damit Kontakt genug zu den Kühen."

Wer diesen Kontakt selbst erleben will, wird am Bauernhof Derler gerne empfangen. Im quasi mitten im Stall schwebenden Kuhcafe lässt sich bei Kaffee und Kuchen die Arbeit des Roboters auf einem großen Fernseher betrachten. Sojamilch gibt es allerdings keine.

Hör-Tipp
Digital.Leben, Montag bis Donnerstag, 16:55 Uhr

Links
Melkroboter Astronaut:
Kuhcafe
Bernhard Kathan

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