Eine Frau flieht vor einer Nachricht

David Grossman erzählt in seinem jüngsten Roman vom Krieg zwischen Israel und Palästina, gespiegelt in menschlichen Schicksalen, die Geschichte von Menschen und ihrer Ohnmacht gegenüber dem Krieg. Dennoch endet der Roman lebensbejahrend.

Es ist ein sperriges Buch: Das ist der erste Eindruck, und der ist nachhaltig. Er dauert etwa 200 Seiten lang, erst dann entfaltet der Roman seine Sogwirkung. Viele Seiten dauert es, bis man sich an den Rhythmus gewöhnt hat, an die zunächst einmal verwirrenden Rückblenden, an die stilistischen Brüche. Als Leser muss man durchhalten und sich entlang tasten auf unsicherem Terrain, um Kontakt zu diesen Figuren und der Geschichte aufzubauen, die da erzählt werden will und die sich doch immer wieder entzieht wie hinter verspiegeltem Glas.

Das macht die Lektüre zunächst einmal langatmig, bis sich der verknäuelte Handlungsstrang entwirrt hat und man zum empathischen Reisebegleiter wird, im wahrsten Sinn des Wortes: Denn das Leitmotiv dieses Romans ist eine Reise, genaugenommen eine Fußwanderung durch Galiläa, unternommen von Ora und ihrem Jugendfreund und Geliebten Avram.

Die Taten einer Mutter

David Grossman erzählt in seinem jüngsten Roman die Geschichte von Ora mit den beiden Freunden Avram und Ilan, die Geschichte von Ora und ihren beiden Söhnen, vom Krieg zwischen Israel und Palästina, gespiegelt in menschlichen Schicksalen, die Geschichte von Menschen und ihrer Ohnmacht gegenüber dem Krieg.

Ora habe er deshalb zur Hauptfigur gemacht, sagt David Grossmann, weil sein Buch von dem handle, was es bedeute, Mutter zu sein und in dieser Rolle Handlungen und Taten zu setzen, es handle von unablässigem Bemühen, von Fehlern und von gutem Willen.

"Ich habe den Eindruck, dass Frauen in dieser Hinsicht ursprünglicher sind als Väter", meint David Grossman im Gespräch. "Das sage ich als sehr mütterlicher Vater, als jemand, der am Leben seiner eigenen Kinder großen Anteil nimmt. Dennoch denke ich, dass ein Mann niemals in dieser Weise rebellieren würde wie Ora gegen die Maschinerie von schlechten Nachrichten in Israel rebelliert."

Aufbruch zur Wanderung

Oras Sohn Ofer zieht in den Krieg. Am Tag seiner Entlassung aus der Armee meldet er sich freiwillig zum Einsatz.

... da soll er jetzt nicht mitmachen dürfen, er, der immer Pech hat und das Beste verpasst, so einen Bombeneinsatz, drei Panzerbrigaden gemeinsam, hatte er geschrien, mit Tränen in den Augen, für einen Moment hätte man denken können, er streite mit ihr darum, dass er spät von einer Klassenparty heimkommen darf - und wie sollte er bitte zu Hause sitzen oder in Galiläa wandern gehen können, wenn alle Freunde dort waren.

Ora setzt eine skurrile Form des Protests: Sie beschließt, eine mögliche Todesnachricht einfach nicht entgegenzunehmen, nicht tatenlos abzuwarten, bis die Überbringer sie zu Hause vorfinden würden. Stattdessen bricht sie zu jener Wanderung auf, die sie gemeinsam mit ihrem Sohn geplant hat, an seiner Stelle unternimmt sie den Weg mit Avram und arbeitet mit diesem die Geschichte auf, die sie alle gemeinsam verbindet.

Zweifellos muss es in ihrem Plan einen grundlegenden Fehler geben, einen himmelschreienden Denkfehler, und der wird sich auch gleich erweisen und alles widerlegen, (...) doch bis dahin ist sie plötzlich frei von sich selbst, frei von der großen Ängstlichkeit, die ihr im letzten Jahr anhaftete, und wieder sagt sie sich halblaut vor, was sie machen will, wiederholt es und kommt zu der erstaunlichen Einsicht, dass sie allem Anschein nach sogar Recht hat oder zumindest nicht völlig falsch liegt, denn wenn sie von zu Hause flieht, dann wird dieser Deal wenigstens für eine gewisse Zeit aufgeschoben, dieser Deal, den Armee, Regierung und Staat ihr womöglich schon sehr bald aufzwingen wollen, vielleicht schon in dieser Nacht, dieser einseitige Deal, der festlegt, dass sie, Ora, bereit ist, von ihnen die Nachricht vom Tod ihres Sohnes entgegenzunehmen, und ihnen damit hilft, die komplizierte und bedrückende Tatsache seines Todes zu einem geordneten, von beiden Seiten akzeptierten Abschluss zu bringen; in gewisser Weise gäbe sie ihnen damit die tiefe und endgültige Bestätigung für diesen Tod und würde so auch ein bisschen zur Komplizin bei diesem Verbrechen.

Flucht vor schlechten Nachrichten

Ora ist sich ihrer Ohnmacht bewusst, ihr ist klar, dass das, was sie tut, ein armseliges und lächerliches Signal ist, dennoch befriedigt und erleichtert es sie, irgendein Signal zu setzen.

"Die meisten Frauen, die ich kenne, haben etwas Subversives in sich, eine Skepsis gegenüber großen Systemen - wie die Armee oder die Regierung oder die Religion", so Grossmann. "Alle diese Systeme sind von Männern erdacht und werden von Männern belohnt. Für eine Frau ist es aber sehr viel natürlicher, dagegen zu rebellieren oder wenigstens nicht zu kollaborieren."

Und darin, sagt Grossman, manifestiere sich auch die Loyalität zu ihrem Sohn: "Da gibt es einen Moment, nachdem sie ihren Sohn zum Appellplatz gebracht hat und sich fragt, wie es denn sein könne, dass sie denen gegenüber loyaler ist: der Regierung, der Armee gegenüber loyaler ist, als ihrem Kind und ihrer Mutterschaft gegenüber, und genau in diesem Moment macht sie alles von Grund auf anders und dann beginnt sie ihre Reise durch Israel, um vor der schlechten Nachricht zu fliehen."

Sie dreht sich um und betrachtet die Schlange von Fahrzeugen, ein geradezu festlicher, ergreifender Anblick, ein riesiger Umzug, auf seine Weise bunt und voller Leben: Eltern, Geschwister und Freundinnen, sogar Großväter und Großmütter bringen ihre Lieben zur Aktion der Saison, denkt sie, es ist Ausverkauf, in jedem Auto sitzt ein junger Mann, die Erstgeborenen gleichen Erstlingsfrüchten, Frühlingskarneval mit Menschenopfern am Schluss. Und was machst du provoziert sie sich selbst, schau dich mal an, wie schön und gehorsam du deinen Sohn nimmst, deinen beinah einzigen, den du so wahnsinnig liebst.

Das Leid akzeptieren

David Grossman hat in diesem Roman ein Stück seiner eigenen Lebensgeschichte festgehalten, er hat gegen seine Angst um seine Kinder angeschrieben und fast möchte man sagen, er hat den Tod herbeigeschrieben. Noch während er an diesem Roman arbeitet, stirbt sein eigener Sohn 2006 im Verlauf des zweiten Libanonkrieges.

Autobiografisches ist für das Verständnis eines Kunstwerkes überflüssig, lautet eines der wichtigsten Gebote der Literaturwissenschaft. Man möchte dem im Fall von David Grossmans Roman widersprechen, denn der autobiografische Hintergrund macht den beschwerlichen Einstieg plausibel und er unterstreicht die Stärke des Schlusses: Dass das Ende tragisch ist, befürchtet der Leser die ganze Zeit über und er weiß es schließlich, ohne dass es ausgesprochen wird.

Darüber hinaus ist die Geschichte in ihrem Kern tragisch: Da muss ein Sohn gehen, damit ein Vater, der ebenfalls ein Opfer des Krieges ist, ins Leben zurückkehren kann. Offen bleibt, ob die Liebe zu Avram, die über diesen Schmerz zusammengefunden hat, überlebenstauglich ist. Dennoch endet das Buch nicht resignativ, sondern öffnet eine Tür hinein ins Leben, in die Hoffnung. So ratlos, so angstvoll der Roman begonnen hat, so kraftvoll und lebensbejahend endet er, in der Akzeptanz von Leid als Teil des Lebens.

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David Grossman, "Eine Frau flieht vor einer Nachricht", Hanser Verlag

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