Im Zug der Zeit

Eine Feier der Staatsoper führt die ehemalige Operndiva nach Wien zurück. Wahrheit, Fantasie und Erinnerung verschwimmen in dieser "Bagatelle" ineinander, wenn die Opernsängerin (Elisabeth Orth) und ihre Gouvernante (Bibiana Zeller) sich erinnern ...

... noch einmal die alte Strecke ...

Es sollte ein letzter, glanzvoller Auftritt werden. Einmal noch sollte die Diva, ein Opernstar von gestern, anlässlich einer Feier die Bühne der Staatsoper in Wien betreten. Jenen Ort, an dem sie ihre größten Erfolge gefeiert hat. Gemeinsam mit ihrer Gouvernante besteigt sie in der Schweiz, dem Ort ihres Exils, den Zug.

Schon einmal, vor mehr als einem halben Jahrhundert, war sie diese Strecke mit der Eisenbahn gefahren. In umgekehrter Richtung allerdings. Und keineswegs freiwillig. Denn Wien war damals kein Ort an dem sie bleiben konnte. Kaum angekommen tun sich allerdings Rätsel auf. Niemand, der sie abholt, keiner erwartet sie. Man wohnt im Sacher, in derselben, alten Suite. Mit Blick auf die Oper. Als der Festakt beginnen sollte, steigt Rauch aus dem Haus am Ring. Ein Anschlag? Späte Rache? Oder erweist sich das Schicksal bloß als gerecht. Der Tafelspitz jedenfalls ist großartig. Nach wie vor. "Morgen früh", sagt die Diva, "nehmen wir das erste Flugzeug zurück. Die Bahn lassen wir unter uns liegen. Einmal war schließlich genug."

In seinem Kammerspiel für zwei wohltemperierte Damen spielt der Schweizer Autor Jürg Amann sehr subtil mit historischen Versatzstücken. Wahrheit, Phantasie und Erinnerung verschwimmen ineinander. In der Regie von Götz Fritsch bleibt im stets höflichen Dialog zwischen Elisabeth Orth als Opernsängerin und Bibiana Zeller als Gouvernante die Bösartigkeit gut hörbar zwischen den Zeilen hängen. "Phänomenal", pflegt die Diva gern zu sagen, einfach "phänomenal!"

Zum Autor

Der Schweizer Jürg Amann wurde 1947 als Sohn eines Buchdruckers und Lyrikers in Winterthur geboren. Er studierte Germanistik, Europäische Volksliteratur und Publizistik in Zürich und Berlin, war von 1974-1976 als Dramaturg am Schauspielhaus in Zürich tätig. Seit 1976 ist er als freier Schriftsteller tätig. Mit der Erzählung "Rondo" für die er 1982 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, schaffte er den literarischen Durchbruch.

Stilistisch ist Jürg Amann stark von Franz Kafka und Robert Walser beeinflusst. Zahlreiche Veröffentlichungen (Prosa, Lyrik, Essays, Theaterstücke, Hörspiele), zuletzt "Nichtsangst. Fragmente auf Tod und Leben" (Haymon, 2008) und die "Die kalabrische Hochzeit" (Arche, 2009).

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