Kriegstagebuch

Der Bücherfrühling der Tagebücher ist ausgerufen, Aufzeichnungen von Martin Walser bis Susan Sontag wurden publiziert. Und jetzt Ingeborg Bachmann: "Kriegstagebuch" ist ein schmaler Band mit Notizen aus der Zeit vom Spätsommer 1944 bis zum Juni 1945.

Kultur aktuell, 16.04.2010

"Rechnen darf man nur mehr mit dem Schlimmsten", schreibt Ingeborg Bachmann und sie berichtet von Bombenalarm, Tieffliegern und Weltuntergang, von der verhassten Lehrerbildungsanstalt, von Widerstand und Desertion. Der Salzburger Germanist Hans Höller hat das Kriegstagebuch herausgegeben.

"Dieses Tagebuch macht nicht nur das Gegenüber des Kriegs verstehbar, den sie in allen Beziehungen zwischen den Menschen - auch in den privaten - zu analysieren versucht. Man entdeckt aber im Tagebuch auch Formeln des Schreibens, Gesten des Schreibens, ein gewisses Freiheitspathos, das sie sich bis zuletzt bewahrt, bis zum 'Malina'-Roman."

Und in Malina wird Ingeborg Bachmann 25 Jahre später schreiben: "Ich will, dass der Krieg ein Ende nimmt". In den frühen Tagebuchaufzeichnungen zeigen sich bereits die Grundhaltungen ihrer literarischen Arbeit.

Vernichtung der menschlichen Beziehungen

"Die Empörung gegen das Kriegsgesetz. Und der Krieg ist für sie nicht nur einfach eine Angelegenheit auf dem Feld, sondern die Vernichtung der menschlichen Beziehungen und der Menschen. Krieg- und Mordschauplatz sind bei ihr austauschbar. Das andere ist das Moment des Widerstands, das Bestehen auf der Freiheit. Das macht dieses große Pathos im Werk der Bachmann aus: Dieses Auf-sich-selber-Zurückziehen und in sich selber die Kraft des Widerstehens zu suchen", erläutert Höller.

Das Kriegstagebuch - das sind sechs engzeilig beschriebene DIN-A4-Blätter, ein Schreibmaschinentyposkript aus dem Privatnachlass der Geschwister von Ingeborg Bachmann. Notizen aus den letzten Kriegsmonaten und aus der Zeit unmittelbar nach der Befreiung durch die British Army.

Briefe von britischem Besatzungssoldaten

Im zweiten Teil des Tagebuchs tritt Jack Hamesh auf. Als österreichischer Jude konnte er 1938 mit einem Kindertransport nach England flüchten, 1945 ist er als britischer Soldat nach Österreich zurückgekehrt. Durch die Literatur kommen die beiden einander näher, durch die gemeinsame Lektüre der von den Nazis verbotenen Dichter Thomas Mann, Stefan Zweig, Schnitzler und Hofmannsthal.

"Das ist so wunderbar zu lesen", schwärmt Höller. "Was uns heute kaum vorstellbar ist: Jack Hamesh küsst ihr, wenn er von ihr geht, die Hand. Und das ist immerhin eine fast 19-jährige Frau. Und sie steigt in der Nacht auf einen Apfelbaum hinauf und heult und denkt sich, dass sie sich nie mehr die Hand waschen möchte, nachdem er sie geküsst hat. Ich habe mich da an Szenen, Bilder aus dem Werk von Chagall erinnert gefühlt."

Rätsel um Jack Hamesh

Im Frühling 1946 ist Jack Hamesh in das damalige Palästina ausgewandert, die Briefe, die er an Ingeborg Bachmann geschrieben hat sind im Band mit dem Kriegstagebuch publiziert, ihre Antworten sind bis dato verschollen, ebenso wie Jack Hamesh selbst.

"Es läuft schon seit einiger Zeit eine Suchmeldung in einer deutschsprachigen und israelischen Zeitschrift. Ich habe wirklich viele Leute und viele Archive befragt und niemand kennt ihn. Das ist so rätselhaft, weil sie ihm so viel bedeutet und eigentlich auch den Sinn seines Überlebens verkörpert hat", betont Höller.

Vielleicht wird die Publikation des Kriegstagebuchs von Ingeborg Bachmann dazu beitragen, mehr über Jack Hamnesh in Erfahrung zu bringen.

Service

Ingeborg Bachmann, "Kriegstagebuch", Hrsg. von Hans Höller, Suhrkamp