Mit Liebe zum Detail

"Die Kunst ist einfach ein Bestandteil des Lebens, wahrscheinlich der faszinierendste Bestandteil der Wahrnehmung. Für andere ist das vielleicht die Natur, aber mich haben immer nur die Sachen fasziniert, die vom Menschen gemacht worden sind", sagt Friedrich Achleitner.

Am 23. Mai 2010 feiert der Architekturpublizist und Schriftsteller Friedrich Achleitner seinen 80. Geburtstag. Seine Liebe zur Kunst wurde dem gebürtigen Innviertler fast buchstäblich in die Wiege gelegt. Aufgewachsen ist er in einer kleinen Landwirtschaft mit Mühle, sein Vater hatte die einzige Mühlenbauschule der Monarchie besucht und war ein hochbegabter Zeichner.

"In meinem Kinderbett, zwischen zwei Brettern liegend, befanden sich Zeichnungen, und auch in der Wohnung sind immer ein paar herum gehängt", erinnert sich Achleitner. "Das waren vielleicht die ersten Eindrücke, die wesentlich waren, weil ich als Kind schon sehr gern gezeichnet habe und eigentlich immer Maler werden wollte."

Von Dialektgedichten beeindruckt

Zu jener Zeit hat sich wohl erstmals Friedrich Achleitners genauer Blick offenbart: Die Liebe zum Detail hat ihn später dazu bewogen, Architektur zu studieren. Zu jener Zeit beeindruckte ihn aber auch schon die musisch-lyrische Seite der Kunst:

"Wir haben, wie im Innviertel üblich war, Most zu Hause gehabt - und da sind immer Leute zu uns gekommen, die halt Most getrunken haben, die sind am Tisch gesessen, und einer war der Ebner Sigi, offenbar ein Franz-Hönig-Fan, der Schmied aus Schlierbach, ein Dialektdichter, ein sehr deftiger und lustiger, und der hat das alles auswendig können, und wenn er ein bisschen zu viel Most getrunken hat, hat er angefangen, am Tisch die Gedichte aufzusagen. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt."

"Aus dem wird nichts!"

Heute gilt Friedrich Achleitner als der Doyen der heimischen Architekturkritik, sein 1965 begonnener Bauwerkführer "Österreichische Architektur im 20 Jahrhundert" erscheint seit 1980 in einzelnen Bänden und gilt längst als Standardwerk. Seine literarischen Arbeiten, etwa die bei Zsolnay unter dem Titel "der springende punkt" erschienene Kurzprosa, bezeichnet Achleitner indes als seine "wichtigsten" Arbeiten.

Gefragt nach seinem ersten selbstverfassten Kunstwerk, nach jenem Werk, das sein literarische Laufbahn begründete, geht seine Erinnerung zurück an die Schulbank, wo ihm ein Deutschlehrer zu einer frühen Ahnung verhalf, was Kunst ausmacht: "Das Thema war 'Aus dem wird nichts!' Und was hab ich gemacht? Ich hab versucht, zu schildern, wie ich beim zeichnen scheitere, und es ist nichts daraus worden! Eine dreiviertel Seite - ich bin also beim Aufsatz gescheitert und hab geglaubt, ich krieg einen Fleck, dabei hat er mir ein Sehr-gut gegeben, und das hat mich unglaublich beeindruckt, weil ich plötzlich draufgekommen bin, dass nicht das Perfekte, das Fertige etwas ist, sondern dass etwas, was schief geht, auch etwas sein kann. Das ist etwas, mit dem man leben kann, weil Kunst, die nicht mit dem Scheitern zu tun hat, die ist eigentlich sehr fragwürdig."

Eine "böse Klasse"

Zunächst kam der Knabe, "weil er so gut zeichnen" konnte, in die Gewerbeschule nach Salzburg, wo er als 15-Jähriger zusammen mit bereits 30-jährigen Kriegsheimkehrern den Lehrern das Leben schwer machte. "Der Kurrent, der Holzbauer, der Puchhammer, der Gsteu und ich – wir sind in einer Reihe gesessen, alle waren wir talentiert, alle haben wir was gewollt", erinnert sich Achleitner. "Und wir waren eine 'böse Klasse': Der Klassenvorstand hat nach der Maturareise oben am Katschberg den Bus angehalten und gesagt: 'Wir überqueren jetzt die Salzburger Grenze, und ab jetzt kenn ich euch nimmer!' Das muss man sich vorstellen!"

"Doch dann kam eine wunderbare Zeit", erzählt er weiter: "1946 haben ja die Festspiele nach dem Krieg wieder begonnen, damals konnte man sich am Mönchsberg über der Felsenreitschule ins Gebüsch setzen und hat alles mitgehört, was unten gespielt worden ist. Jetzt kann man das ja nicht mehr, weil alles überdacht ist, aber damals war das für uns ein Aufbruch!"

Richtig los, so Friedrich Achleitner, ging es aber erst in Wien. In der Klasse Gütersloh traf er auf ein Konglomerat der späteren Kunstszene: "Der Karl Prantl und der Lehmden und der Fuchs und der Mikl: Alle, die später ganz andere Wege eingeschlagen haben oder fast Lager gebildet haben, die waren auf einem Haufen zusammen, das war wie eine Ursuppe, alles hat bereits gegärt, war aber noch nicht ganz heraußen. Und wir waren dauernd unterwegs oder sind im Atelier zusammen gesessen und haben diskutiert."

"Lustbeschäftigung" Literatur

Aus Broterwerbsgründen schrieb Achleitner "aufs Emsigste", wie er sagt, Architekturkritiken - etwa die viel beachtete Kolumne "Bausünden" in der "Presse" - und geriet aufgrund des exzessiven Arbeitsaufwands an den Rand eines körperlichen und seelischen Zusammenbruchs. Die Literatur, seine eigentliche "Lustbeschäftigung", hatte er stets "nur so nebenher" ausgeübt, jedoch immerhin in enger Verbundenheit mit der legendären Wiener Gruppe um H. C. Artmann, Oswald Wiener und Gerhard Rühm.

Achleitners Dialektgedichte speisten sich aus den Ideen dieser Gruppe, wonach die Sprache als Material zu betrachten sei – und aus seinem Innviertler Dialekt: "Für mich war klar, dass der Wiener Dialekt etwas ganz anderes als mein eigener Dialekt war. Das Wienerische ist barock, surreal, blumig, wortreich - ganz anders als meine Innviertler Bauernsprache. Da bin ich erst draufgekommen, was die Qualität des Altbayrischen oder des Innviertlerischen ausmacht: die motorischen Wiederholungen, die Versuche, zu überzeugen wie zum Beispiel 'des is scho so'."

Eine "zusammengesammelte Liebhaberei"

Weiter erläutert er: "Meine Dialektsachen sind fast immer Zitate, die ich von meiner Mutter gehört habe und die ich dann für rhythmische Konstruktionen verwendet habe, wie 'so wos/na geh/geh na/so wos'. Wörter werden ständig wiederholt und permutiert, was völlig realistisch ist, weil die Leute eben so geredet haben: 'Franz pfiat di/pfiat di Franz' und so weiter."

Künstler sei er übrigens keiner, betont Achleitner sprachskeptisch. Auch das Wort "Kunstgeschichte" bezeichnet er als "schwieriges Konstrukt", und überhaupt: "Ich bin mehr oder weniger hineingeschlittert, ich habe auch nie eine Stunde studiert in dem Fach, das geht vielen meiner Generation so, dass sie etwas machen, was sie nie gelernt haben, das ist, wenn man so will, eine angelernte oder zusammengesammelte Liebhaberei in irgendeiner Form."