Jung Changs Aufarbeitung der Mao-Zeit

Erster "Buchpreis für Menschenrechte" vergeben

Im Buchliebling-Wettbewerb werden seit 2006 die liebsten Bücher der Österreicher durch Publikumswahl bestimmt. Bei der Preisverleihung am 18. Mai 2010 wurde nun erstmals auch ein "Buchpreis für Menschenrechte" vergeben. Die Jury wählte die Chinesin Jung Chang und ihr Buch "Wilde Schwäne".

Kultur aktuell, 19.05.2010

Als Vorsitzender der Kommunistischen Partei bestimmte Mao Zedong die Geschicke Chinas, von der Gründung der Volksrepublik 1949 bis zu seinem Tod 1976. Wie ein Heiliger wurde er vom Volk verehrt, obwohl in seiner Regierungszeit unzählige Menschen den Tod fanden - durch Hungersnöte, ausgelöst durch verfehlte Wirtschaftspolitik und politische Kampagnen wie die Kulturrevolution.

"Mao machte nicht einfach nur Fehler", meint Jung Chang. "Er war verantwortlich für 70 Millionen Tote und das in Friedenszeiten. Aber viele Chinesen kennen noch immer nicht diese Tatsachen. Sogar jene, die unter Mao gelitten haben, sind sich nicht seiner Verantwortung für diese Gräueltaten bewusst."

Emigration nach London

Die 1952 geborene Jung Chang wuchs unter Mao auf und war in ihrer Jugend eine glühende Verehrerin des Großen Vorsitzenden. In den Intrigenspielen der Kulturrevolution wurden ihre Eltern dann jedoch als Intellektuelle verfolgt und Jung Chang selbst zur Zwangsarbeit aufs Land verschickt. 1978 bekam sie die Gelegenheit für ein Auslandsstudium. Seitdem lebt Jung Chang in London. Dort erschien 1991 ihr Buch "Wilde Schwäne", in dem sie aufzeigte, wie Maos Politik das Leben ihrer Familie auf den Kopf stellte.

2005 veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Sinologen Jon Halliday, auch noch eine mehr als 800 Seiten starke Mao-Biografie. Beide Bücher dürfen bis heute nicht in China erscheinen. Verbreitet wurden sie dennoch.

"Enthusiastische Leser scannten meine Bücher ein und stellten sie ins Internet", erzählt Jung Chang. "Als ich einmal nachsah, gab es Hunderttausende Kommentare und Blogs dazu. Aber die chinesische Internetpolizei ist sehr wachsam und entfernt immer wieder alle Beiträge, in denen mein Name oder der Titel eines meiner Bücher vorkommt."

Restriktionen in China

Jung Chang selbst darf zwar in China einreisen, erlebt im Land aber starke Restriktionen: "Kein Journalist darf mich interviewen und mir ist es auch nicht gestattet, vor einem noch so kleinen Publikum zu sprechen. Ich darf mich also nur als Privatperson im Land bewegen, ohne die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit meine Meinung zu äußern."

Obwohl die chinesische Regierung seit den Reformen Deng Xiaopings und der wirtschaftlichen Öffnung einen zu Mao völlig konträren Kurs verfolgt, ist eine Abkehr vom Mythos Mao weiterhin undenkbar. So sei es unmöglich, so Jung Chang, dass Maos Porträt vom Platz des Himmlischen Friedens oder von den chinesischen Banknoten verschwindet.

"Die chinesische Führung glaubt noch immer, Mao zu brauchen", sagt Jung Chang. "Ihrer Meinung nach ist Mao gleichbedeutend mit der kommunistischen Partei. Mao abzulehnen würde also bedeuten, die kommunistische Partei abzulehnen."

China im 20. Jahrhundert

Mit "Wilde Schwäne", das durch drei Generationen die problematische Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert nachzeichnet, wurde ein Buch mit dem "Buchpreis für Menschenrechte" ausgezeichnet, das zwar schon 1991 erschienen ist, jedoch einen prägenden Einfluss hinterlassen hat. Weil es die Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert nicht nur erzählt, sondern auch nachvollziehbar werden lässt.

Service

Jung Chang, "Wilde Schwäne. Die Geschichte einer Familie. Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute", Droemer/Knaur