Westliches und Östliches

Opernfestival in Peking

Seit nunmehr zweieinhalb Jahren besteht das neue Pekinger Opernhaus. Dieser Tage veranstaltet es ein Opernfestival, aus dessen Programm klar ersichtlich ist, das man in der Pekinger Oper beides will: einerseits die westliche Musiktradition in China verbreiten und andererseits die eigene Kultur hochhalten.

Kulturjournal, 20.05.2010

Das Eröffnungskonzert der Kammermusikwochen in Peking bestreitet in diesem Jahr niemand Geringerer als Li Biao. Der chinesische Percussionist gilt als einer der weltweit Führenden in seinem Bereich. Seit Jahren lehrt und lebt er in Deutschland. Und er tritt am 20. Mai 2010 mit drei Kollegen der Berliner Philharmoniker auf.

Es sind nicht die einzigen Ausländer, die sich hier einfinden. Aus insgesamt sieben Staaten kommen allein zu diesem Festival wieder Künstler. Kaum jemand will es sich nehmen lassen, einmal hier aufgetreten zu sein.

Der Präsident des Opernhauses, Chen Ping, der gleichzeitig auch Vizechef der Pekinger KP ist, hat beeindruckende Zahlen parat, wenn man ihn nach seiner Bilanz der letzten zweieinhalb Jahre fragt: "In den vergangenen zweieinhalb Jahren hatten wir hier 2.000 Veranstaltungen, und sie alle waren auf höchstem künstlerischen Niveau. Wir bieten Ballett, Opernaufführungen, Konzerte und chinesische Volksopern. Bis jetzt sind bei uns 57.000 Künstler aufgetreten. Davon waren rund 11.000 Ausländer, denn bei uns haben bereits Künstler aus 45 Staaten gastiert."

Eigene "Carmen"-Inszenierung

Dieser Tage lässt man Künstler im eigenen Auftrag gastieren. Für die eigene Inszenierung von "Carmen" im Rahmen des Opernfestivals hat man Regie, Bühnenbild, Kostüme und Leitung des Orchesters an Ausländer übertragen. Eine opulente Inszenierung, die kein Klischee auslässt, stellt Francesca Zambello hier auf die Bühne.

Ihre Kostümbildnerin Susan Willmington freut sich darüber, dass sie in China Kostüme anfertigen lassen kann, die im Westen unerschwinglich wären. Natürlich würde sie "Carmen" für das Wiener Publikum etwas anders inszenieren, sagt Zambella, aber in China geht es erst einmal darum, dem Publikum die westliche Oper überhaupt näher zu bringen.

Mit "Carmen" auf Tournee?

Lohnt sich die Investition in eine eigene "Carmen"-Inszenierung, die hier nur dreimal gezeigt werden soll, überhaupt? Ja, meint Chen Ping, der sich wünschen würde, dass die Pekinger "Carmen" dann auch auf Welttournee geht: "Was wir in diese Oper investieren, ist vergleichsweise wenig, wenn man es mit einer westlichen Produktion vergleicht. Und es lohnt sich. Nicht nur haben wir hier eine weltbekannte Regisseurin, die gewöhnt ist, mit westlichen Künstlern zu arbeiten, sie bietet den chinesischen Künstlern im Ensemble auch die Möglichkeit, zu lernen. Da es eine Eigenproduktion ist, liegt das gesamte Copyright bei uns, auch das Recht der Vermarktung. Mit unserer 'Carmen' auf Tournee zu gehen, ist also kein Problem und wir wollen es auch."

Eine für China inszenierte "Carmen" auf westlichen Bühnen? Sie könnte etwas aussagen über das Verständnis von Oper in China. Wie Kammermusik, die auch erst propagiert werden muss, ist die westliche Oper eigentlich fremd. Das Programmheft des Pekinger Opernfestivals liest sich daher wie ein "Best of must see". Zur "Traviata", dem "Elisir d'amore" und einem Gastspiel des Bolshoi Theaters mit Evgenij Onegin kommt aber ganz eigen Chinesisches, nicht nur klassische Opern.

Tibet-Revolutionsoper zum Abschluss

Krönender Abschluss des Opernfestivals sind Anfang Juli drei Aufführungen der Tibet-Befreiungsoper "Sonne Schnee". Es ist ein Gastspiel der Gesangs- und Tanztruppe der Volksbefreiungsarmee. Keineswegs ein Spagat, meint der Opern-Präsident: "Die asiatische und die westliche Kultur haben beide ihre Vorteile. Sie haben aber auch ihre Ähnlichkeiten. Wir bieten hier klassische westliche Opern und gleichzeitig auch klassische oder neue chinesische Werke. Damit kann man sagen, dass in unserem Opernhaus die verschiedenen Opernkulturen ineinander verschmelzen."

Wie sehr die Tibet-Revolutionsoper mit der eigenen "Carmen" verschmelzen kann, sei dahingestellt. Aber jedenfalls kann das Pekinger Opernhaus von sich behaupten, ein sehr breit gefächertes Programm zu haben. Es trifft auf jeden Fall den Geschmack des eigenen Publikums. Und wohl auch das Interesse derjenigen, die verstehen wollen, wie China im musikalischen Bereich damit umgeht, dass es einerseits mit dem Westen mithalten will und andererseits doch ganz anders sein will.