Kontroverse um Freud-Buch

Der Philosoph Michel Onfray hat ein 600 Seiten starkes Buch veröffentlicht unter dem Titel "Der Untergang eines Symbols – die Freudsche Fabel", in dem der Autor über Sigmund Freud und die Psychoanalyse regelrecht herfällt. Frankreichs einflussreiche Zunft der Psychoanalytiker reagiert mit Empörung.

Kulturjournal, 21.05.2010

Eines ist jetzt schon sicher: Michel Onfrays 600-Seiten-Wälzer wird sich bestens verkaufen - der Medienrummel, kaum dass das Buch erschienen war, zeigte unmittelbare Wirkung: Schon nach zehn Tagen waren 40.000 Exemplare verkauft.

Freud ein Scharlatan?

Ob das Traktat dann auch wirklich gelesen wird, mag dahingestellt bleiben, ein Traktat, in dem Onfray nichts Geringeres tut, als Freud als krankhaften Lügner und skrupellosen Scharlatan zu bezeichnen, ihn als geldgierig, sexbesessen und kokainabhängig darzustellen. Onfrays zentraler Anklagepunkt: Freud habe vor allem sich selbst, seine Instinkte und Obsessionen untersucht, diese Beobachtungen dann verallgemeinert und zu einer universellen Doktrin entwickelt.

"Freud steckt in seiner persönlichen Autobiografie, in der Erklärung seiner eigenen Neurose, das hat nichts mit Wissenschaft zu tun, das ist literarische Psychologie", meint Onfray dazu. "Er hat Patienten erfunden, die nie existiert haben, Theorien produziert, die auf keinerlei klinischen Erfahrungen beruhen, er hat einen Fall erfunden, hinter dem mehrere Fälle stecken. Er gibt vor, als Knabe seine Mutter im Zug nackt gesehen – und sexuell begehrt - zu haben und sagt einfach, das treffe auf jeden zu, jeder sei vom Oedipus betroffen, alle Knaben hätten Lust, mit ihrer Mutter zu schlafen oder den Vater zu töten."

Kreuzzug gegen Freud-Anhänger

Onfray geht so weit, in Abrede zu stellen, dass Freud selbst jemals psychisch Kranke geheilt habe. Dabei kann man sich des Eindrucks schwer erwehren, dass sich der Autor in dieser wohl kalkulierten Provokation richtiggehend suhlt, in dieser Art Kreuzzug gegen die französische Lobby der Lacan- und Freud-Anhänger. Etwa wenn er schreibt und dies fast täglich wiederholt, Psychoanalyse sei in ihrer Wirkung im Grunde nicht mehr als Homöopathie:

"Es gibt Leute, die glauben an fliegende Untertassen, das ist aber kein Beweis, dass fliegende Untertassen existieren. Wenn Sie nach Lourdes gehen, sehen sie, dass dort Krücken an der Grotte hängen, das ist aber kein Beweis, dass es Gott gibt. Alle Therapien arbeiten mit dem Placeboeffekt, Leute die Zucker schlucken und sagen, das heilt sie wie die Homöopathie, wo 30 Prozent auf den Placebo-Effekt zurückgehen, es gibt keinen Grund, dass es in der Psychoanalyse nicht ebenso ist."

Kontroverse im Fernsehen

Gegen die Generalabrechnung mit dem Übervater der Psychoanalyse läuft jetzt Frankreichs Psychoanalytiker-Gilde Sturm. Entsprechend hoch geht es her, wenn der Autor der Streitschrift gegen Freud dann in einem Fernsehstudio mit einem der bekanntesten französischen Psychoanalytiker diskutiert - da liegt gegenseitige Verachtung, ja Hass in der Luft.

Der Psychoanalytiker, Gerard Miller, hält Onfray vor, doch selbst fasziniert gewesen zu sein von der Lektüre Freuds, als Hochschullehrer jahrzehntelang Freud vorgebetet zu haben, und dann plötzlich, wie einst Bernadette Soubirou in Lourdes, nicht die Jungfrau entdeckt zu haben, sondern die Tatsache, dass Freud ein Schuft gewesen sei.

Nur ganz selten wird versucht, auch inhaltlich zu argumentieren. "Freud hat die Art und Weise, wie man psychisch Kranken bis dahin zugehört hatte, völlig umgekrempelt", so Miller. "Er hat die Verrückten von ihren Ketten befreit. Bis dahin hatte niemand Geisteskranken oder Hysterikern so zugehört, wie Freud es dann tat."

Onfray, der den Psychoanalytikern vorwirft, in erster Linie geschäftstüchtige Abkassierer zu sein, antwortet mit einer Breitseite: "Um Typen wie Ihnen das Handwerk zu legen, muss man eine andere Psychoanalyse erfinden. Dazu muss man aber selbst Psychoanalytiker sein und um das sein zu können, muss man Leute wie Sie bezahlen, um das Recht zu haben, Psychoanalytiker zu werden und die Psychoanalyse kritisieren zu können."

Angriff auf die Person Freud

Doch nicht nur Frankreichs Psychoanalytiker sind empört und empfinden es als Beleidigung, wenn Onfray behauptet, die Psychoanalyse könne Menschen nicht heilen. Auch Onfrays Philosophenkollegen ziehen vom Leder, etwa Vincent Aubin: "Ich finde, dieses Buch eine exzellente Sache, weil es jetzt erstmals einen allgemeinen Konsens geben könnte darüber, dass Michel Onfray nicht seriös ist."

Die meisten Kritiker werfen Onfray vor allem eines vor: sich in seinem Buch letztlich weniger mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt zu haben, sondern in erster Linie die Person Freud selbst anzugreifen - ihm Nähe zum Austrofaschismus, zum Naziregime und zu Mussolini, ja Antisemitismus, Frauenhass und Homophobie vorzuwerfen - Freud aber, so empört sich die Päpstin der französischen Psychoanalyse, Elisabeth Roudinesco, in einem langen Artikel der Wochenzeitung "Nouvel Observateur", sei weder ein Faschist gewesen, noch habe er autoritäre Regimes unterstützt.

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